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"Böse scheint er nicht zu sein"
Restaurator Stefan Gussmann über seine Arbeit am Merkur von Obernburg
Das Kastell am Main
Die südlich von Aschaffenburg gelegene heutige Kleinstadt Obernburg war in römischer Zeit Teil einer am Main entlang laufenden Grenz- und Überwachungslinie. Der sogenannte "nasse Limes" bildete die Grenze Obergermaniens zum freien Germanien. In den Jahren 2000 und 2002 führte hier die Archäologische Staatssammlung Ausgrabungen in einer römischen Polizeistation durch.
In dem zu dieser Station gehörenden Sakralbezirk stießen die Ausgräber unmittelbar neben dem Sockel eines steinernen Altares, den am 13. Januar 224 der Polizeisoldat Nertinius Festus dem obersten Staatsgott Jupiter geweiht hatte, auf einen spektakulären antiken Versteckfund:
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| Der Fundort in Obernburg, Lkr. Miltenberg |
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Ein großer Fund
Eine 26 cm hohe Bronzestatuette des Gottes Merkur, die sorgfältig abgedeckt war mit einem silbernen, teilweise vergoldeten Votivblech gleicher Größe. Dieses Blech trägt in plastischer Treibarbeit ebenfalls eine Darstellung des Merkur, eingebettet in einen Architekturrahmen und flankiert von verschiedenen Attributtieren der Gottheit. Die Niederlegung der beiden Weihegaben im 3. Jh. n. Chr. könnte mit den damaligen Bedrohungen durch germanische Überfälle zu erklären sein oder als rituelle Bestattung von Votiven aus einem überfüllten Heiligtum.
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| Für den Laien ein Erdklumpen |
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Bergung mit kleinen Blessuren
Bevor der seltene Fund bei den Freilegungsarbeiten, die unter hohem Zeitdruck standen, bemerkt werden konnte, hatte ein Grabungsmitarbeiter das Votivblech bereits zweimal mit dem Spaten getroffen und beschädigt. Auch von der Statuette war dabei die rechte Hand abgetrennt worden. Aufgrund des fragilen Zustandes des Bleches und zur genauen Dokumentation der Deponierungssituation wurde auf die weitere Freilegung der Fundstücke an der Ausgrabungsstelle verzichtet und eine Blockbergung, d. h. eine Hebung des Fundes mitsamt der umgebenden Erde, vorgenommen.
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| Merkurs Hand mit dem Geldbeutel |
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Archäologisches Puzzle
Der Erdblock und eine Schachtel mit losen Fragmenten des Votivblechs sowie die abgebrochene Hand der Statuette wurden von den Ausgräbern umgehend der Restaurierungswerkstatt übergeben und gelangten auf den Arbeitstisch des Restaurators Stefan Gussmann. Die von ihm angefertigte erste Röntgenaufnahme des Blockes ließ bereits schemenhaft den Umriss der Merkurstatuette und die Reliefdarstellung auf dem Blech erkennen.
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| Ein geübter Blick erkennt, was zusammengehört |
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Sicherung mit Folie und Gips
Um ein weiteres Auseinanderbrechen des Blocks zu verhindern, wurde er zunächst auf der Unterseite mit Folie gesichert und ein Gipsbett angegossen. Dadurch ließ sich die Freilegung einfacher handhaben. Es zeigte sich, dass das Blech mit der Vorderseite nach unten auf die Figur gelegt und an dieser stellenweise festkorrodiert war. Größtenteils lag jedoch, soweit erkennbar, zwischen Figur und Blech eine feine Lehmschicht, die eine problemlose Freilegung erwarten ließ. Das Blech selbst war sehr instabil und stellenweise papierdünn. Neben noch metallisch glänzenden Stellen waren weite Bereiche völlig zu schwarzem Silbersulfid korrodiert. Einige Stellen waren von solch mehliger Substanz, dass es zu lochartigen Einbrüchen gekommen war.
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Die Fixierung der Puzzleteile
Nachdem alle Fragmente aus dem Block abgelöst und stabilisiert waren, konnte mit der Zuordnung begonnen werden. Um ein Anpassen der Fragmente und den Überblick zu erleichtern, wurden gefundene Anschlüsse provisorisch fixiert und größere Fragmentgruppen rückseitig mit Seide hinterklebt. Diese Klebungen müssen später für eine endgültige Anpassung aller Fragmente untereinander wieder gelöst und neu angelegt werden. Nach dieser mühevollen Arbeit konnten bis auf acht Kleinstfragmente 120 Einzelteile zusammengesetzt werden.
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Mit dem Votivblech war die Figur abgedeckt |
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Das Röntgenbild verrät viel
Das anschließend angefertigte Röntgenbild verdeutlicht die Motive des Votivblechs in ihrer sehr feinen Ausgestaltung und lässt eine Vielzahl von Bearbeitungs- und Werkzeugspuren sowie die Beschädigungen und Risse sichtbar werden. Man erkennt den nackten Merkur mit dem Geldbeutel in der rechten Hand und dem Hirtenstab am linken Arm. Er steht zwischen gedrehten Säulen und Rundbogen (Aedicula-Architektur), begleitet von einer Ziege, einem Hahn und einer Schildkröte. Alle plastisch erhöhten Teile der Darstellung waren zusätzlich vergoldet.
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Das Röntgenbild zeigt viele Feinheiten |
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So könnte die Zukunft des Blechs aussehen
Für das weitere Vorgehen sollten die Fragmente so gut wie möglich zusammengefügt und das Blech stabilisiert werden. Zurzeit ist noch unklar, ob eine vollständige Freilegung möglich sein wird. Um in einer späteren Ausstellung einen Eindruck zu bekommen, wie das Blech ursprünglich ausgesehen hat, könnte man nach Schließen der Fehlstellen eine Abformung und eine galvanische Kopie inklusive der Vergoldung anfertigen. Das kopierte Blech erschiene in seiner ganzen Pracht, während das empfindliche Original unverändert in seinem tatsächlichen Erhaltungszustand belassen bliebe.
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Ein erster Gesamteindruck: 120 Einzelteile wurden zusammengesetzt |
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Kleine Schätze werden sichtbar
Schritt für Schritt wurde nun die Merkurstatuette von den Erdauflagerungen befreit. Nach und nach kamen der aus Silberdraht gefertigte Hirtenstab (Caduceus) mit zwei ineinander verschlungenen Schlangen und ein Korrosionsklumpen am linken Fuß zum Vorschein, der sich später als kleine Ziege zu erkennen gab.
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Nach und nach gibt Merkur sich zu erkennen |
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Pfiffig und vielseitig
Der ursprünglich in der linken Hand sitzende Stab musste für die weitere Freilegung der Statuette zunächst entfernt werden. Die Bereiche rings um den Silberstab sind besonders beschädigt. So ist zum Beispiel die Ziege, die mit dem Stabende umwickelt war, stellenweise mit harter, geschwürähnlich aufgeblähter Korrosion überzogen, die manuell kaum abzutragen ist und unter der sich keine originale Oberfläche mehr finden lässt. Die Schlangen und der Stab zeichnen Merkur als Götterboten und Vermittler zur Unter- und Oberwelt aus. Die Flügel am Kopf dienten dem Begleiter der Toten zur Bewältigung der weiten Strecken, weshalb der vielseitige Merkur auch als Gott der Reisenden verehrt wurde. Als Gott der Händler und Diebe trägt er in der rechten Hand den Geldbeutel.
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| Der Hirtenstab des Merkur |
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Der erste Instrumentenbauer
Die Schildkröte erinnert an den listenreichen Dieb Hermes (so heißt Merkur bei den Griechen), der schon als Säugling seinem Bruder Apollon eine Rinderherde stahl und statt der Rückgabe eine Lyra anbot, die er aus dem Panzer einer Schildkröte, den Hörnern einer Ziege und Schafsdärmen baute. Apollon war sehr angetan, wurde Gott der Musik, Hermes/Merkur an Apollons Stelle Hirtengott; die Menschheit erhielt die Lyra und alle waren zufrieden.
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| Einer der Begleiter Merkurs ist die Schildkröte |
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Von Kopf bis Fuß ein Gott
Es gibt unzählige Funde von Merkurstatuetten. Der Merkur von Obernburg ist jedoch von besonderer Qualität. Haltung, Gewand und Gestus gehen unmittelbar auf klassische Vorbilder zurück. Die Götterfigur trägt ein Gewand mit reichem Faltenwurf (Chlamys), das an der rechten Schulter mit einer Fibel zusammengefasst ist. Die darunter liegende Modellierung des Körpers lässt sich erahnen, ein Zeichen für die hohe Qualität der Arbeit. Alle Seiten sind sorgfältig bis in kleine Details ausgearbeitet, so auch der reiche Faltenwurf auf der Rückseite. An den Füßen trägt er aufwändig gestaltete Riemensandalen. Aus der lockigen Frisur wachsen zwei Flügelspitzen heraus. Er trägt nicht, wie sonst meist üblich, einen Flügelhut und auch an den Füßen findet man nicht die sonst für ihn typischen Flügelansätze.
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Nach der ersten Freilegung ist Merkur kaum wiederzuerkennen |
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Jetzt wartet die Arbeit im Detail
Besonders sensible Stellen wie Frisur und Gesicht, die das spätere Erscheinungsbild der Statuette entscheidend mitprägen, sind mit harten Verkrustungen überzogen. "So ein Mund ist sehr klein angelegt, wenn man da zu viel wegnimmt, lächelt er entweder oder eben nicht, das macht nachher einen großen Unterschied," erklärt Stefan Gussmann. Man besitzt im vorliegenden Fall kaum Ansatzpunkte für eine Freilegung. Gerade hier aber führen kleinste, zuviel oder zuwenig abgenommene Partikel zu einem völlig unterschiedlichen Ergebnis.
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Noch sind nicht alle Geheimnisse gelüftet
Es stellt sich die Frage, inwieweit eine vollständige Freilegung möglich sein wird. "Einmal war ich an einem Punkt, da dachte ich, ich kann nichts mehr herausfinden," gibt der Restaurator zu. Wesentliche Informationen gewinnt Gussmann immer wieder durch den Vergleich mit anderen Statuetten in der Literatur. So fand er zum Beispiel bei den Sandalen gute Parallelen und wusste dadurch, wonach er genau suchen mußte.
"Tatsächlich konnte ich dann auch die Sandalen freilegen. Sogar die dünne Ledersohle ist angedeutet, da sind noch unendlich viele Feinheiten drin, die in so einem korrodierten Klumpen natürlich nicht einfach zu finden sind. Da kann ich nur versuchen, mich durch gutes Zureden zu motivieren und durch Vergrößerung unter dem Mikroskop langsam vorzutasten. Ich hoffe, dass der Gott noch weitere Details von sich preisgeben wird, vor allem sein Gesicht, damit man eines Tages sehen kann, ob er lächelt - erahnen kann man es ja. Böse scheint er jedenfalls nicht zu sein."
Die Restaurierungswerkstätten
Ein Blick hinter die Vitrinen
Reportage über einen Besuch in den Restaurierungswerkstätten der Archäologischen Staatssammlung München.
Die Vorher-Nachher-Show
Bilder-Show vom Fundstück zum Ausstellungsstück.
Das Ergebnis muss nicht "schön" sein, aber "informativ"
Egon Blumenau, technischer Leiter der Restaurierungswerkstätten im Gespräch
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| Die Arbeit an der Statuette wird immer feiner |
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