Mitteilungen der Freunde der bayrischen Vor- und Frühgeschichte

Nr. 127 vom 11. Juni 2010  

Vom Baum zum Boot Sonderausstellung der Archäologischen Staatssammlung München

In einer kleinen Sonderschau präsentiert die Archäologische Staatssammlung fünf Einbäume, die schon lange zum Bestand der Sammlung gehören und seit mehreren Jahren verborgen in ihren Depots gelagert waren.

Es handelt sich dabei um oberbayerische Boote des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Grossformatige Farbabbildungen von Einbäumen aus dem "Okavango Delta" in Botswana/Afrika und vom "Canal des Pangalanes" auf Madagaskar zeigen, wie Einbäume noch heute beim Transport und im Fischfang verwendet werden.

Ein Film des Heimatbundes Mondsee veranschaulicht, wie 1966 der letzte Einbaum am Mondsee in Österreich mühevoll geschlagen, mit Dechseln und Eisengerät bearbeitet, dann zunächst zu Konservierungszwecken mehrere Jahre im Wasser eingelagert und danach durch Feinbearbeitung in die endgültige Form gebracht wurde, um schliesslich zum Fischfang genutzt zu werden.

Seit der Steinzeit sind Einbäume als Transportmittel für Menschen und Waren in Gebrauch. Sie werden in Europa heute zufällig beim Baggern, bei Aushubarbeiten, in Kiesgruben oder von Unterwasserarchäologen entdeckt, früher fand man sie beim Torfstechen. Einbäume wurden in flachem Gewässer durch Staken, in tiefem Wasser mit Paddeln oder Rudern fortbewegt. Man verwendete sie zum Fischfang, zum Transport von Lasten und als Fährboote.

Den ältesten erhaltenen Einbaum Mitteleuropas barg man 1955 südlich von Groningen in dem kleinen holländischen Dorf Pesse. Das drei Meter lange und 45 Zentimeter breite Holzboot stammt aus der Zeit um 6300 v. Chr.

Über 80 % aller in Deutschland gefundenen Einbäume sind aus Eichenholz gefertigt. Eiche ist langlebig und widerstandsfähig gegen Schädlingsbefall. Je nach Örtlichkeit wurden aber auch andere Baumarten wie Buche, Linde, Esche, Kiefer, Tanne oder Pappel verwendet.

Die Herstellung von Einbäumen war äusserst mühsam: Der Baum wurde meist dort verarbeitet, wo man ihn gefällt hatte. Die grobe Bearbeitung der Oberfläche erfolgte in tagelanger Gemeinschaftsarbeit zunächst mit scharfem Werkzeug wie Beilen und Dechsel, danach höhlte man den Stamm aus. Zur Optimierung der Lage des Einbaums im Wasser begann man schon im Neolithikum damit, den Boden aussen flach abzuarbeiten und das Heck und den Bug zu verschlanken.

Die bayerischen Gewässer sind reich an Beständen von Einbaumfunden. Nach neuesten Studien des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege (Berichte der Bayerischen Bodendenkmalpflege 50, 2009, 45 ff.) kennt man in Bayern bisher über 130 Fundstellen in Flüssen und Seen, aus denen hölzerne Einbaumkörper bzw. Einbaumfragmente stammen.

Das älteste Wasserfahrzeug Bayerns wurde - zunächst aus der Luft entdeckt - 1986 vor der Roseninsel im Starnberger See von Tauchern der Bayerischen Gesellschaft für Unterwasserarchäologie e.V. unter der Leitung von Hubert Beer gefunden und 1989 unter Aufsicht des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege und von Mitarbeitern der Prähistorischen Staatssammlung aus nur etwa 0,8 m Tiefe mit Hilfe eines Krans geborgen. Mit 13,50 m Länge gehört der Einbaum von der Roseninsel zu den grössten Wasserfahrzeugen seiner Art in Europa. Die Einbettung des Bootes in eine späturnenfelderzeitliche Kulturschicht ergab die einmalige Gelegenheit, diesen Einbaum in einem stratifizierten Kontext zu untersuchen. Zudem ermittelte man mittels Dendrochronologie (s. u.) als passendes Schlagdatum des Eichenholzes das Jahr 900 v. Chr. Dieser längste je in Bayern gefundene Einbaum konnte bislang nicht ausgestellt werden, weil er aufgrund seiner Ausmasse nicht in die Räume der Staatssammlung passt. Er lagert derzeit im Aussendepot der Archäologischen Staatssammlung in Baldham.

Im Jahr 2000 führten unterwasserarchäologische Prospektionen des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege zur weiteren Entdeckung eines sehr alten, nämlich eisenzeitlichen Einbaumes bei Kempfenhausen am Ostufer des Starnberger Sees. Eine "14C-Datierung" der Christian-Albrechts-Universität Kiel ergab, dass das Wasserfahrzeug in der Zeit zwischen 485 und 45 v. Chr. gebaut worden war, also in die Latènezeit datiert werden kann. Ein anderer, ebenfalls latènezeitlicher Einbaum wurde 1994 am Südufer des Chiemsees entdeckt, dieser gehört in die Zeit zwischen 395 und 210 v. Chr.

Moderne Konservierungsmethoden ermöglichen es, dass Einbäume heutzutage lange nach ihrer Auffindung auch in nichtfeuchtem Klima haltbar sind: Nach Reinigung und Wässerung der Einbäume werden diese mehrere Monate in verschiedenen Polyethylenglykollösungen getränkt, um das im Holz enthaltene Wasser zu verdrängen und das Holz zu stützen. Anschliessend friert man die Objekte ein, so dass die verflüssigte Konservierungssubstanz in einen festen Zustand überführt wird. Abschliessend werden die Hölzer in einer Gefriertrocknungsanlage getrocknet.

Das Alter prähistorischer oder mittelalterlicher Holzreste lässt sich am präzisesten mit Hilfe der Methode der "Dendrochronologie" ermitteln. Bäume weisen unter identischen Klima- und Standortbedingungen einen ähnlichen Jahreszuwachs in Form von Baumringen auf. Individuelle Jahrringmuster - je nach klimatisch günstigen oder schlechten Bedingungen erfolgt ein Wuchs von breiten oder schmalen Jahresringen - können in graphische Kurvendarstellungen umgerechnet und optisch anhand einer Standardkurve miteinander verglichen werden. Lassen sich die beiden Kurven in Übereinstimmung bringen, so kann man am letzten gebildeten Ring des Baumes das Fälldatum ablesen. Die süddeutsche Standardkurve für Eichen erstreckt sich lückenlos über die vergangenen 10.000 Jahre!

Die ebenfalls zur Datierungsmöglichkeit herangezogene "14C-Datierung" nutzt die besonderen Eigenschaften radioaktiver Isotope. Isotope sind Nuklide von Elementen, deren Atomkern zwar eine gleiche Zahl von Protonen, aber eine unterschiedliche Zahl von Neutronen hat. Viele Isotope sind instabil und zerfallen mit einer bekannten Halbwertszeit, die man als "Uhr der Natur" bezeichnen kann. Durch die Messung der noch vorhandenen Menge eines Isotops im Vergleich zur Anfangsmenge kann man auf das Alter einer Probe schliessen. Die ?14C-Datierung" nutzt das Prinzip, dass alle Lebewesen Kohlenstoff und Kohlenstoffisotope aufnehmen. Nach dem Tod wird kein Kohlenstoff mehr aufgenommen, die vorhandenen Isotope zerfallen nach dem Gesetz des radioaktiven Zerfalls. Da die Menge der in der oberen Atmosphäre ständig neu gebildeten Kohlenstoffisotope schwankt und die Einlagerung im Wasser und auf dem Land ungleichmässig ist, kann ein "14C" Alter aber immer nur mit einer gewissen Fehlerspanne angegeben werden.

Im Zuge der Neuaufstellung der fünf bisher nur grob "14C"-datierten Einbäume fanden dendrochronologische Untersuchungen und eine Neubeprobung der Einbäume durch das Landesamt für Denkmalpflege/Thierhaupten statt, bei der es erforderlich war, den Booten jeweils hölzerne Bohrkerne zu entnehmen. Vier der fünf Einbaumexemplare können nun sehr viel genauer datiert werden als bisher (Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege, Praktische Denkmalpflege/Archäologische Denkmäler, Referat BV-Restaurierung Archäologie und Dendrolabor, Berichte Franz Herzig, Am Klosterberg 8, 86672 Thierhaupten).

So wird der ausgestellte Einbaum vom Starnberger See bei Ambach jetzt auf das Jahr 1063 datiert, der Einbaum vom Pflegersee auf das Jahr 1538, der vom Münchner Michaelibad in das Jahr 1856 und schliesslich der Einbaum vom Starnberger See (Dauerleihgabe des Bayerischen Nationalmuseums) in das Jahr 1868. Das Holz des fünften Einbaumes war für den Holzbohrer nicht mehr durchdringbar.

Neben diesen ausgestellten Exemplaren werden zahlreiche weitere, meist mittelalterliche und frühneuzeitliche Bootsfunde in den Depots der Archäologischen Staatssammlung und in weiteren Lagern Bayerns verwahrt.

Bildliche Darstellungen belegen, dass Einbäume noch bis in die frühe Neuzeit hinein auf den Bayerischen Seen genutzt wurden, weil sie sich hervorragend für das Fischen mit grossen Zugnetzen, dem sogenannten "Segen" eigneten, der gebräuchlichsten Fangmethode bis in das 20. Jahrhundert. Die Kombination von dünnen Seitenwänden und schwerem Boden ergibt eine grössere Sicherheit bei der Arbeit an der Bordwand als die sehr leicht kenternden Bretterboote.

Dass Einbäume im 19. Jahrhundert ein kleines Vermögen kosteten, zeigt der Kostenvoranschlag eines Feldwieser "Schiffhauers" am Chiemsee vom 27.7.1819: 56 Gulden sollte ein Einbaum aus Eiche kosten, für den eine Arbeitszeit von 24 Tagen benötigt wurde. Eine Plätte, aus Brettern gebaut, kostete hingegen nur 5 Gulden und 17 Kreuzer und konnte in zwei Tagen fertig gestellt werden. Waren 1808 noch 128 Einbäume am Chiemsee verzeichnet, gab es 1881 zuletzt nur noch drei registrierte Einbäume am Chiemsee.

Hohe Kosten der Beschaffung und Fertigung, vermutlich auch der Mangel an geeigneten, dicht gewachsenen, gesunden Baumstämmen führten dazu, dass sich Bootstypen wie Plätten oder Zillen durchsetzten und die lange Tradition dieser uralten europäischen Bootsbaukunst ein Ende fand.

Andrea Lorentzen

_______________________________________________________________

Einladungen

24.7.2010 
Jahresausflug 2010
 zur Landesausstellung "Bayern und Italien"
Wir laden Sie herzlich ein zum Jahresausflug 2010 nach Füssen 
am Samstag, den 24. Juli. Unser Ziel ist die bayerische Landesausstellung "Bayern-Italien" im ehemaligen Kloster St. Mang. Je nach Verkehrslage wird
die Fahrt zur Besichtigung von Sandau und der romanischen Basilika von Altenstadt unterbrochen. Zur Mittagsrast kehren wir im Gasthof Krone in
Füssen ein.

Teilnehmerkosten: 30.- Euro (Fahrt, Führung und Eintritt). Die Teilnehmerzahl ist auf 50 Personen beschränkt, weil die Ausstellung sehr kleinräumig ist
(evtl. Wiederholung des Ausflugs). 
Abfahrt in der Elisenstrasse beim Neptunbrunnen um 8.00 Uhr. 
Verbindliche Anmeldung auf beiliegender Karte bitte bis 10.7.2010.

29.7.2010, 20.00 Uhr 
6. Sommernacht im Innenhof der Burg Grünwald mit festlicher Beleuchtung und italienischem Büffet.

"Swinging Jazz Night" mit dem Max Greger jr. Trio, Maximilian Greger und dem "König der Jazzgeiger" Martin Weiss. Ein Virtuose am Klavier trifft auf einen Meister an der Violine. Eine einzigartige Mischung aus Swing, Bossa Nova, Sinti-Jazz und Blues erwartet den Zuhörer im Innenhof der Grünwalder Burg.

Zur Einstimmung auf den Abend reichen wir Ihnen ein Glas Prosecco am Eingang zum Burghof. Im stimmungsvoll beleuchteten Innenhof werden Ihnen im Anschluss an das Konzert italienische Pastavariationen sowie Wein und nichtalkoholische Getränke angeboten. Bei Regen findet die Veranstaltung im August-Everding-Saal, Ebertstr. 1, statt.

Aktuelle Wetterinformation unter Tel. 089/64949670. Einlass ab 19.30 Uhr. Kartenpreise, inkl. Pastateller/ Getränke: 49,00/ 45.00/ 39.00 Euro. Kartenvorverkauf ab 1.7.2010 in der Buchhandlung Horn (Tel. 089/6410471) oder im Kulturreferat Grünwald (Tel. 089/64162-130).

Mit freundlichen Grüssen

Dr. Walter Dieck (Vorsitzender)