Mitteilung der Freunde der bayrischen Vor- und Frühgeschichte

Museum für Vor- und Frühgeschichte.
Nr. 137 vom 14. August 2013

Bilder im Dunkeln. Höhlenkunst der Eiszeit - Die fotografische Sammlung Wendel.

20. September 2013 bis 19. Januar 2014 

Die eiszeitliche Kunst ist die älteste Kunst der Menschheit. Jäger und Sammlergemeinschaften der jüngeren Altsteinzeit durchstreiften vor 40.000 bis 14.000 Jahren die eiszeitlichen Landschaften Europas. Ihr Kunstschaffen reichte von Schmuckobjekten über feine Schnitzereien, gravierte und bemalte Steinplatten sowie kleine Figuren, die in ganz Europa verbreitet waren, bis hin zu großformatigen, mehrfarbigen Wandbildern, die nur aus den Höhlen
Südfrankreichs und Nordspaniens bekannt sind. Die Meisterschaft dieser Wandmalereien, ihre Komposition und
Farbigkeit zeigen den frühen modernen Menschen in einer für viele überraschenden Perspektive – nämlich als Wesen mit großer Spiritualität und Kreativität. Auch deshalb faszinieren diese Bilder aus den Tiefen der Höhlen. Unwirtlicher könnte – aus heutiger Sicht – ein Ort zum Zeichnen und Malen kaum sein. Gefahr geht von diesen unterirdischen Labyrinthen aus mit ihrer absoluten Dunkelheit, ihrer feuchten Kälte und Einsamkeit. Doch genau diese Umgebung suchten die Menschen der Eiszeit auf und hinterließen auf den Felswänden und im Höhlenboden geheimnisvolle Zeichen und meisterliche Darstellungen der Tierwelt.

Die Sammlung Wendel

Dass diese Kunstwerke mittels eindrucksvoller Fotografie ans Licht gebracht worden sind, verdanken wir dem renommierten Bühnenbildner und Fotografen Heinrich Wendel (1915–1980). Er entwickelte für die „Wuppertaler Bühnen“ eine besondere Symbiose aus Regie, Choreographie und Bühnengestaltung. An der „Deutschen Oper am Rhein“ (Düsseldorf/Duisburg) erfand Heinrich Wendel, der technischen Neuerungen immer aufgeschlossen war, das Gestaltungsmittel der „plastischen Raumprojektion“, die als Meisterstück seiner Arbeit gilt und internationale Beachtung fand.

Außerdem war der Bühnenbildner fasziniert von den eiszeitlichen Bilderhöhlen mit ihrem engen Zusammenhang von Raum und Kunst. Auf seinen Reisen in den 1960er und 1970er Jahren nach Südfrankreich und Nordspanien gelang es ihm, durch die Vermittlung des berühmten Felsbildforsches Herbert Kühn (1895–1980), in diese Höhlenheiligtümer vorzudringen, ein Privileg, das sonst nur wenigen Wissenschaftlern vorbehalten ist. Denn bis auf einige Ausnahmen
sind die dokumentierten Höhlen öffentlich nicht zugänglich, da bereits kleinste Veränderungen im sensiblen Höhlenklima weitreichende Folgen für die Erhaltung der Felsbilder haben. Fast 3000 Fotos aus über 50 Höhlen hat Heinrich Wendel hinterlassen, die heute im Besitz des „Neanderthal Museums“ (bei Düsseldorf) sind und ein unschätzbares Archiv darstellen.

Die Höhle Niaux

In der Höhle Niaux im französischen Pyrenäenvorland (Dép. Ariège) lässt sich die Deutung einer Inszenierung von Raum und Kunst, wie sie Heinrich Wendel vorschlägt, überzeugend nachvollziehen. Niaux hat mit dem Salon Noir, dem Schwarzen Salon, ein echtes Zentrum. In diesem großen Saal sind meisterliche Malereien bühnenbildartig
arrangiert. Doch der Weg dorthin ist weit, fast 800 Meter lang, und führt durch verzweigte Gänge und Engstellen. Farbige Wegmarken und kleinere Darstellungen leiten den Besucher zum Schwarzen Salon und bereiten ihn so auf das eigentliche Erlebnis vor. Heinrich Wendel waren die einfachen Zeichen ebenso wichtig wie die prächtigen
Bildfelder des Schwarzen Salons. Er war der erste, der diese Wegmarken systematisch dokumentierte.

Den zentralen Raum von Niaux erreicht man nach einem steilen Anstieg über eiszeitliche Sandhügel. Plötzlich öffnet sich ein großer Saal mit einem natürlichen Gewölbe. Unwillkürlich wird der Besucher an die Architektur einer Kirche erinnert. Das Gewölbe hat überraschende Resonanzeigenschaften und lässt auch leise Töne und Worte widerhallen. Im Schwarzen Salon wurden sechs große Bildfelder mit schwarzen Tierdarstellungen angelegt. Sie folgen dem Wandverlauf und konzentrieren sich in einzelnen halbrunden Nischen. Weit über 100 Darstellungen bedecken die Wand. Einige wurden auch in den lehmigen Boden graviert. Neben zahlreichen Wisenten – der größte ist über 140 cm lang – wurden Pferde, Steinböcke und ein Hirsch abgebildet sowie eine der seltenen Menschendarstellungen.

Gegenüber dem Eingang zum Schwarzen Salon stehen sich zwei Gruppen von Wisenten gegenüber und nehmen so räumlichen Bezug aufeinander. Trotzdem entsteht – wie bei allen anderen Darstellungen auch – nicht der Eindruck, hier eine bewegte, lebendige Szene vor sich zu haben, in der die Tiere miteinander agieren. Obwohl die Tiere häufig eine detailgetreue Ausführung ihrer Hufe zeigen, fehlt ihnen, wie allen eiszeitlichen Darstellungen, eine Bodenlinie.
Sie scheinen zu schweben.

Viele Darstellungen in Niaux wurden vor 15.500 bis 13.500 Jahren zunächst mit Holzkohle vorgezeichnet. Anschließend mischten die Künstler Farbpulver aus Manganoxid oder Holzkohle mit Wasser und überarbeiteten die Zeichnungen.

Plakative Kunst – verborgene Kunst

Die großartigen Malereien der Höhlen von Niaux, Chauvet (Dép. Ardèche), Lascaux (Dép. Dordogne) oder Altamira (Kantabrien) waren dazu bestimmt, sofort gesehen zu werden. Sie sind groß, mehrfarbig, leicht auffi ndbar und klar zu erkennen. In der Regel zieren sie Säle und Gewölbe. Die räumlichen Verhältnisse erlauben es, dass sich vor ihnen mehrere Personen gleichzeitig aufhalten können.

Die spektakulären Darstellungen gehören aber zu den Ausnahmen in der eiszeitlichen Kunst. Der weitaus größte Teil ist entweder schwer zu erkennen, kleinformatig oder versteckt angebracht.

Tiere – Menschen – Zeichen

Ob gemalt oder graviert, die Jagdtiere des Menschen sind das zentrale Motiv der Höhlenkunst. Bevorzugt werden Pferde und Wisente abgebildet, die mehr als die Hälfte aller Darstellungen ausmachen. Daneben gehören Steinböcke, Hirsche, Auerochsen und Mammute zu den häufi geren Motiven. Andere Großtiere wie Bären, Löwen oder Nashörner sind dagegen nur in wenigen Höhlen zu entdecken. Die Auswahl der Tiere ist regional und zeitlich bedingt. Jede Höhle
hat ihre Besonderheit: In Niaux überwiegen die Wisente, in Ekain (Baskenland) die Pferde und in Rouffi gnac (Dép. Dordogne) die Mammute. Ziel der eiszeitlichen Künstler war nicht, ein individuelles Tier, sondern das allgemeine Erscheinungsbild eines Tieres zu zeigen.

Die Künstler nutzten geschickt den Felsuntergrund. Er konnte Teil der Darstellung werden und dem Tier Volumen, Kontur und so im flackernden Lichtschein außerordentliche Lebendigkeit verleihen. Im kunsthistorischen Vergleich fallen Besonderheiten der Höhlenkunst ins Auge: Wir fi nden keinen Hinweis auf die Landschaft. Pflanzen, Flüsse oder Berge sucht man vergebens.

Vollständige Menschen bildeten die Eiszeitkünstler kaum ab. Häufiger findet man einzelne Körperteile, die für den ganzen Menschen stehen: Kopf, Rumpf, Hände oder Geschlecht. Berühmt sind die zumeist negativen Handabdrücke.

Abstrakte Zeichen bilden die größte Gruppe innerhalb der eiszeitlichen Wandkunst. Vom einfachen Punkt bis zur komplexen geometrischen Figur reicht ihre Bandbreite. Hinzu kommt eine enorme Menge unbestimmbarer Linien, Schraffuren und Umrisse. Zeichen finden sich fast überall. Manche stehen isoliert. Andere wurden mit Tier- und Menschendarstellungen kombiniert. Überlagerungen scheinen mitunter einen funktionalen Zusammenhang anzudeuten. Symbolisieren pfeilartige Zeichen auf Tieren oder Menschen tatsächlich Pfeile oder Speere?

Gemalt, gesprüht, geritzt und geformt

Im Malen und Zeichnen waren die eiszeitlichen Künstler Meister. Feine Strichzeichnungen und Linien erhielten sie durch Auftrag von Erdfarben mit Pinseln aus Zweigen, kleinen Fellbüscheln, „Stiften“ aus kompakten Farb- oder Holzkohlestücken oder einfach mit eingefärbten Fingerspitzen. Punkte oder einen fl ächigen Farbauftrag erzielten sie auch, indem sie die Farbe zu Pulver zerrieben, mit Wasser gemischt in den Mund nahmen und mit gespitzten Lippen
oder einem Knochenröhrchen aufsprühten. Die Sprühtechnik wendeten die Künstler regelmäßig bei den Handmotiven an. Die meisten Bilder und Zeichnungen sind einfarbig gehalten in Schwarz oder Rot. In wenigen Höhlen wurden auch zwei- oder mehrfarbige Darstellungen angefertigt.

Gravieren war die bevorzugte Technik der eiszeitlichen Wandkunst, seltener kamen Relieftechniken zum Einsatz.  Häufig kombinierten die Künstler beide Techniken mit der Malerei. Feine Linien wurden mit scharfkantigen Steinwerkzeugen in den Fels geritzt. Gepickte Linien wurden mit Steinen in den Fels geschlagen. Die Figuren der
plastischen Halbreliefs ragen bis zu 30 cm hoch aus dem Stein heraus.

Stil und Zeit

Das Alter der Wandkunst konnte bis vor kurzem nur indirekt erschlossen werden. So können Höhlensedimente die Bilder überdecken, oder bemalte Partien der Höhlenwände fielen als Trümmer herab und wurden in den Höhlenboden eingelagert. Fundmaterial und Radiokarbonmessungen ergeben ein Alter für die Fundschichten und somit ein Mindestalter für die Wandkunst. Durch Überlagerungen können ebenfalls zeitliche Abfolgen der Bilder erkannt
werden. Hinzu kommt der stilistische Vergleich zwischen Bildern aus verschiedenen Höhlen. Oft weisen auch kleine Figuren oder gravierte Steinplatten stilistische Übereinstimmungen mit Wandbildern auf. Ist ihr Alter bekannt, besteht ein Anhaltspunkt für das Alter der Höhlenbilder. Aus diesem Bündel von Indizien können im günstigen Fall Angaben zum Alter der Wandkunst abgeleitet werden.

Sakral oder profan?

Einige Archäologen interpretieren die Höhlenkunst heute als Teil schamanistischer Rituale – Zeugnisse eines Kontaktes mit dem Übernatürlichen. Einigkeit besteht darin, dass sie Ausdruck der symbolischen Vorstellungswelt des eiszeitlichen Menschen ist. Fußspuren vor den Bildfeldern belegen die Anwesenheit von Kindern. Die extreme Situation in den tiefen Höhlen steigert die Aufnahmefähigkeit und eignet sich hervorragend zur Inszenierung unvergesslicher Erlebnisse und zur Vermittlung zentraler Botschaften. Nur Eingeweihte konnten die Bilder entschlüsseln.

Die Fotoausstellung

In der Archäologischen Staatssammlung eröffnet Ihnen die Fotoausstellung die wunderbare Gelegenheit, die Kunst des frühen modernen Menschen zu entdecken. Machen Sie sich also, mit einer Museumstaschenlampe ausgerüstet, auf in die erstaunliche Welt der „Bilder im Dunkeln“. Und bestaunen Sie auch – in einer Vitrine vereint – die originalen Funde der Eiszeitkunst aus Bayern.

Quelle: Ausstellungstexte Bilder im Dunkeln (Neanderthal Museum)
Zusammengestellt von Karin Mansel

Termine und Veranstaltungen

Ab 22.9.2013 Sonntagsführung um 14.00 Uhr:
Bilder im Dunkeln – Höhlenkunst der Eiszeit, eine Ausstellung, die mit Museumstaschenlampen besichtigt wird.

16.10.2013, 18.30 Uhr: Vortrag zur Ausstellung
Prof. Dr. Harald Floss, Universität Tübingen
Die Anfänge von Eiszeitkunst und Musik – 40.000 Jahre alte Elfenbeinfi guren und Flöten von der Schwäbischen Alb.
Mitgliederermäßigung 3,00 €, inkl. Ausstellungsbesuch bis 21.00 Uhr

24.10.2013, 19.00 Uhr: Konzert in der Kulturburg Grünwald „Herbstzeitloses“. Ein kostenloses Konzert (Sopran, Flöte, Gitarre, Hackbrett u. a.) für die Mitglieder des Freundeskreises. Anmeldung bis zum 10.10. auf beiliegender Karte unbedingt erforderlich.

3.11.2013 Letzter Tag der Landesausstellung: Alexander der Große
Ausstellungszentrum Lokschuppen Rosenheim

6.11.2013, 18.30 Uhr: Vortrag zur Ausstellung
Dr. Andreas Pastoors, Neanderthal Museum (Mettmann)
Prähistorische Höhlenkunst in ihrem Kontext. Was geschah wirklich in den Bilderhöhlen?
Mitgliederermäßigung 3,00 €, inkl. Ausstellungsbesuch bis 21.00 Uhr

27.11.2013, 18.30 Uhr: Vortrag zur Ausstellung
Dr. Tillman Lenssen-Erz, Universität Köln
Mehr Licht! Wie kommt die Kunst in dunkle Höhlen – und warum?
Mitgliederermäßigung 3,00 €, inkl. Ausstellungsbesuch bis 21.00 Uhr

13.12.2013, 19.00 Uhr: Adventskonzert bei Kerzenschein mit dem Trio Vocale und dem Ebersberger Vocalensemble (Flöte und Gitarre)

15.1.2014, 18.30 Uhr: Filmvorführung
Werner Herzog, Die Höhle der vergessenen Träume
Mitgliederermäßigung 3,00 €, inkl. Ausstellungsbesuch bis 21.00 Uhr