ÖTZI 2.0 – NEUES VON DER EISMUMIE

Geboren: zwischen 3350 und 3100 v. Chr., Vinschgau, Südtirol
Erschossen: im Alter von ca. 50 Jahren, Tatort Ötztaler Alpen
Größe: 1,60 m (jetzt 1,54 m), Gewicht: 50 kg (jetzt 13 kg)
Schuhgröße: 38, Augenfarbe: braun, Haarfarbe: braun
Blutgruppe: 0, tätowiert

Seit seiner zufälligen Entdeckung am 19.09.1991 gegen 13.30 Uhr liefert „Ötzi“ zahlreichen natur- und geisteswissenschaftlichen Forschungsdisziplinen weltweit immer wieder neue Informationen. Nie zuvor war eine derart alte und gut konservierte gefrorene Mumie aus der frühesten Metallzeit, der Kupferzeit, gefunden worden. Seit
1998 liegt sie bei minus 6 Grad Celsius und einer Luftfeuchtigkeit von 100 Prozent in einer Kühlkammer im Südtiroler Archäologiemuseum Bozen. Die Fundstelle ist heute Teil eines archäologischen Wanderweges und markiert mit einer Steinpyramide auf 3210 m ü. d. M. eine bestaunte Attraktion.

Der Mann aus dem Eis gehört zu den ältesten und bekanntesten Mumien weltweit. Zudem handelt es sich um eine natürliche Mumie, d.h. der Körper wurde nicht durch menschliches Zutun konserviert. Ötzi war – als er aus dem Leben gerissen wurde – vollständig mit einem Fellmantel und einer Bärenfellmütze, mit Leggings aus Schafsfell, Schuhen, einem Gürtel sowie einem Lendenschurz bekleidet. Seine Ausrüstung bestand aus mehreren Gegenständen: einem wertvollen geschäfteten Kupferbeil, zwei Birkenrindengefäßen mit Glutresten und einer Rückentrage. Er führte einen noch unfertigen Bogen und Köcher samt Pfeilen bei sich sowie eine Gürteltasche, einen Dolch, einen Retuscheur, diverse Kleingeräte, einen Zunderschwamm und Pilze mit antibiotischer Wirkung.

Es ist nicht nur das hohe Alter, das ihn für die Wissenschaft so wertvoll macht, sondern auch die Art der Mumifizierung. Die Mumie gehört zu den sogenannten „Feuchtmumien”, in deren Zellen noch Restflüssigkeit gespeichert ist. Das Körpergewebe ist so elastisch, dass differenzierte wissenschaftliche Untersuchungen möglich sind und sogar
heute noch seine DNA extrahiert werden kann. Für die Untersuchung der Mumie mussten neue Instrumentarien entwickelt werden. Die Forschungsergebnisse zu Klima, Vegetation, Ernährung und Lebensverhältnissen liefern uns ein umfassendes Bild der Lebensumstände im späten 4. Jahrtausend v. Chr.

Die Entdeckung

Das Ehepaar Erika und Helmut Simon aus Nürnberg, das sich auf einer Wanderung zum Similaungletscher befand, entdeckte den Leichnam am frühen Nachmittag des 19.09.1991 beim Abstieg zur Similaunhütte im Bereich des Tisenjochs auf 3210 m Meereshöhe. Nachdem sie den Fund fotografiert und dem Hüttenwirt gemeldet hatten, stiegen
sie ins Tal ab. Der Wirt und seine zwei Küchengehilfen begutachteten die Fundstelle etwas später und meldeten den Leichenfund der Gendarmerie von Sölden und den Carabinieri von Schnals. An den Tagen darauf begann man mit der Bergung, die aber wegen schlechter Wetterverhältnisse immer wieder abgebrochen wurde. Zwischenzeitlich hatten schon mehrfach Personen die Fundstelle besucht, darunter auch Extrembergsteiger Reinhold Messner, der sich auf einer Südtirolumrundung befand und als erster vermutete, dass der Mann wohl „500 bis 3000 Jahre alt sei“.

Wegen der wetterbedingten Schwierigkeiten bei der Bergung, die teilweise durch einfaches Freipickeln oder mit Hilfe eines Pressluftmeißels und mit Haartrocknern vorgenommen wurde, konnte der Leichnam erst fünf Tage nach der  Auffindung, am Montag, dem 23.09.1991, um 13.50 Uhr mit dem Hubschrauber im Bergesack samt Beifunden
abtransportiert und ins Institut für Ur- und Frühgeschichte nach Innsbruck gebracht werden. Dort wusch man ihn und brauste ihn bei Zimmertemperatur ab. Erst zu diesem Zeitpunkt erkannte der Archäologe Konrad Spindler, der zur Begutachtung gebeten wurde, dass es sich aufgrund der Beifunde um einen prähistorischen Menschen handeln
musste.

Gesundheit

Mit seinen ungefähr 50 Jahren gehörte der Mann aus dem Eis wohl zu den ältesten Mitgliedern seiner kupferzeitlichen Gemeinschaft. Sein Körper zeigt deutliche Degenerationserscheinungen: Die Gelenke sind abgenutzt und seine Blutgefäße verkalkt. Ötzis Zähne sind überraschend vollständig erhalten, aber von Karies befallen. Auffallend ist eine Zahnlücke zwischen den oberen Schneidezähnen sowie die fehlende Anlage der Weisheitszähne. Im linken Frontalbereich des Oberkiefers zeigt sich eine verstärkte Abnutzung. Diese ist vermutlich
mit der regelmäßigen Verwendung des Zahnapparates als „Werkzeug“ zu erklären. Der Körper weist verschiedene Spuren von Verletzungen auf, die er sich zu Lebzeiten zugezogen hat. Auf der linken Seite des Brustkorbs ist im Röntgenbild ein verheilter Rippenbruch sichtbar, auf der rechten Seite sind frische Rippenfrakturen erkennbar. Ob diese in Verbindung mit einem Unfall kurz vor seinem Tod oder mit dem großen Druck des Gletschereises stehen, ist nicht geklärt. Gallensteine weisen auf einen erhöhten Cholesterinspiegel hin, zudem ist ein Nasenbeinbruch festzustellen. Eine zystenartige Veränderung an der kleinen Zehe des linken Fußes kann auf Erfrierungen zurückgeführt werden. Der Mann aus dem Eis litt unter Peitschenwürmern, wie Botaniker anhand der Eier dieses Parasiten, die im Darminhalt gefunden wurden, feststellten. Die Untersuchung der Haare ergab einen deutlich
geringeren Bleigehalt als bei modernen Menschen, andererseits war der Arsengehalt höher: Möglicherweise hat der Mann aus dem Eis an der Verarbeitung von Erzen bzw. der Gewinnung von Kupfer teilgenommen. Die Untersuchung eines Fingernagels ergab, dass er an einer chronischen Krankheit litt. Drei sogenannte Beau-Reil-Querfurchen
zeigen Stresssituationen an, denen das Immunsystem vor seinem Tod ausgesetzt war. Zudem wurden Erreger für die Zeckenborreliose gefunden, und man hat festgestellt, dass er – wie auch rund zehn Prozent der Mitteleuropäer heute – laktoseintolerant war. Über 50 Tätowierungen, mittels kleiner Schnitte und hineingeriebener Holzkohle angefertigt, befinden sich offenbar an stark beanspruchten, schmerzenden Körperstellen. Ob es sich dabei um frühe Zeugnisse
von akupunkturähnlicher Anwendung oder nur um Körperschmuck handelt, ist bisher nicht geklärt.

Forscherteams konnten zudem weitere anatomische Besonderheiten und krankhafte Veränderungen am Körper der Mumie diagnostizieren. Dafür wurden unter anderem moderne bildgebende Verfahren angewendet. Der Mann aus dem Eis besitzt kein zwölftes Rippenpaar. Der Druck des Eises ist zweifellos der Grund für die Deformationen im Schädel- und Mundbereich der Mumie. Im Jahr 2012 konnten erstmalig erhaltene rote Blutkörperchen von einem prähistorischen Menschen extrahiert und untersucht werden. Aus einem ein Zentimeter großen Knochenstück gelang es, soviel DNA zu gewinnen, dass Teile des Erbguts der Mumie zu entschlüsseln waren. Mittels DNA-Analyse konnten Innsbrucker Gerichtsmediziner noch 19 lebende Tiroler ausfindig machen, deren DNA mit derjenigen Ötzis Ähnlichkeiten aufweist.

Ernährung

Wurde Ötzi bei der Jause von hinten mit einem Pfeilschuss ermordet, und was aß er in seinen letzten Stunden? Die Magenanalyse der letzten ausgiebigen Mahlzeit ergab Getreidekörner, Fleischfasern und einen hohen Fettanteil, der derzeit in den USA untersucht wird. Die letzte Mahlzeit vor seinem Tod dürfte Steinbockfleisch gewesen sein. Der gut gefüllte Magen lässt darauf schließen, dass sich der Mann aus dem Eis bei seiner ausgiebigen Rast am Hauslabjoch sehr sicher gefühlt haben muss. Sein kaum anverdauter Mageninhalt zum Todeszeitpunkt lässt jedoch vermuten, dass er kurz nach der Rast verstorben ist.

Ausrüstung und Bekleidung

Die erhaltenen Überreste, die im Römisch-Germanischen Zentralmuseum Mainz drei Jahre lang mit Pinsel und Pinzette untersucht wurden, gewähren uns einen Einblick in das Alltagsleben und das allgemeine Erscheinungsbild eines Alpenbewohners aus der Kupferzeit vor über 5000 Jahren. Unter normalen Lagerungsbedingungen im Erdreich hätten sich seine Bekleidung und die umfangreiche Ausrüstung aus organischen Materialien nicht erhalten. Ötzi trug eine Ausstattung, die es ihm offenbar ermöglichte, seiner Siedlung über längere Zeit fern zu bleiben und sich selbst zu versorgen. Durch mitgeführtes Werkzeug konnte er beschädigte Gegenstände reparieren und neue herstellen. Ausgewählte Hölzer für spezielle Gerätschaften zeugen von einer genauen Kenntnis der Materialeigenschaften. Nur zwei der 14 im Köcher gefundenen Pfeile waren schussbereit, und auch sein Bogen befand sich noch im Rohzustand. Er war zudem in der Lage, sich auch medizinisch selbst zu versorgen, denn er hatte einen Baumpilz mit antibiotischer Wirkung bei sich.

Von welchen Tieren die Fell- und Lederarten der Bekleidung stammen, ist zum großen Teil bekannt, aber neue Untersuchungsmethoden führen immer wieder zu Korrekturen der Ergebnisse. So sollen die Mütze aus Bären- und die Leggings sowie der modisch gestreifte Mantel aus Ziegenfell bestehen. Die Kleidungsstücke sind sorgfältig genäht. Bisher wurden alle Felle und Lederreste makroskopisch von Tierexperten bestimmt, und Biologen führten Identifizierungstests an ihnen durch. An einigen Proben konnte damit zwar die Tierfamilie, aber nicht die genaue
Tierart bestimmt werden. Zur Bestätigung der ersten Ergebnisse der Universität des Saarlandes werden deshalb zurzeit alle Leder- und Pelzproben des Mannes aus dem Eis in Kooperation mit dem Labor des „EURACInstituts
für Mumien und den Iceman“ auf ihre DNA hin untersucht. Größere Reste eines Grasgeflechts wurden früher als Umhang interpretiert, doch wahrscheinlicher ist, dass es sich um eine multifunktionale Matte handelt.

Lebensraum

Ötzi wurde zwar auf italienischem (Südtiroler) Staatsgebiet der autonomen Provinz Bozen im Passbereich zwischen Schnalsund Ötztal gefunden, der Auffindungsort war aber nicht identisch mit seinem Lebensbereich. Man vermutet, dass Ötzi entweder auf der Flucht oder auf der Suche nach Nahrung oder Bodenschätzen war. Analysen der Strontiumeinlagerung in den Zähnen geben Hinweise darauf, dass er südlich der Alpen geboren wurde: Die Herkunft seines mitgenommenen Silexmaterials, die markante Form der Beilklinge, die verschiedenen Hölzer sowie die Hopfenbuchenpollen in seinem Verdauungstrakt, all diese Elemente weisen auf das Gebiet südlich des Alpenhauptkamms als das seiner Heimat hin. Untersuchungen der Isotopenzusammensetzung im Zahnschmelz und im Knochenmaterial liefern zudem noch genauere Informationen. Über die Nahrung nimmt der Mensch verschiedene Isotope (Varianten desselben chemischen Elements) auf, die im Körper gespeichert werden. Je nach Art des geologischen Untergrunds des Wohnortes kommt es zu unterschiedlichen Isotopenzusammen setzungen. Danach hat
Ötzi seine frühe Kindheit wahrscheinlich im Eisacktal oder im Pustertal verbracht, das Erwachsenenalter zum Teil im Etschtal. Vor seinem Tod hat er anscheinend mindestens zehn Jahre im Vinschgau gelebt. Dortige archäologische
Grabungen förderten auf dem Burghügel von Schloss Juval am Eingang des Schnalstals Reste einer spätneolithischen
und bronzezeitlichen Siedlung zutage. Könnte hier sein Zuhause gewesen sein?

Andrea Lorentzen

Literatur zum Thema:

Angelika Fleckinger, Ötzi der Mann aus dem Eis. Alles Wissenswerte zum Nachschlagen und Staunen. Folio Verlag, Wien – Bozen 2012.

Angelika Fleckinger (Hrsg.), Ötzi 2.0 - Eine Mumie zwischen Wissenschaft, Kultur und Mythos. Folio Verlag, Wien – Bozen 2011.

Markus Egg und Konrad Spindler, Kleidung und Ausrüstung der Gletschermumie aus den Ötztaler Alpen. Monographien des RGZM, Band 77, Mainz 2009.

Elisabeth Rastbichler-Zissernig, Der Mann im Eis – Die Fundgeschichte. University Press, Innsbruck 2006.

Termine und Veranstaltungen

16.2., 11.00 bis 13.00 Uhr, Familiensonntag mit dem MPZ:
„Ötzi und seine Welt“,
Workshops für Erwachsene und Kinder;
14.00 Uhr Führung Ausstellung „ÖTZI 2.0 – NEUES VON DER EISMUMIE“

23.2., 11.00 bis 16.30 Uhr, Familiensonntag
„Kleine Kulturgeschichte des Feuers“
: Feuermachen, Werkzeugherstellung aus Feuerstein;
11.00–13.00 Uhr Workshops mit dem MPZ;
14.00 Uhr Führung Ausstellung „ÖTZI 2.0 – NEUES VON DER EISMUMIE“

2.3., Führungen durch die Sonderausstellungen
14.00 Uhr, Führung Ausstellung „ÖTZI 2.0 – NEUES VON DER EISMUMIE“;
15.00 Uhr, Führung Ausstellung „DIE MUMIE AUS DER INKAZEIT“

13.3., 18.30 Uhr, Vortrag
Dr. Angelika Fleckinger, Südtiroler Archäologiemuseum Bozen:
„Ötzi – Eine Mumie zwischen Wissenschaft, Kult und Mythos“,
Eintritt: 4.00 €

27.3., 18.30 Uhr, Vortrag
Prof. Dr. Albert Zink, EURAC Forschungsakademie Bozen:
„Ötzi – Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse zur weltberühmten Gletschermumie“, Eintritt: 4.00 €

6.4., 11.00 bis 16.30 Uhr, Familiensonntag „Bunte Steinzeit“:
Lederbearbeitung, mit Naturfarben Bilder malen;
11.00–13.00 Uhr Workshops mit dem MPZ;
14.00 Uhr Führung Ausstellung „ÖTZI 2.0 – NEUES VON DER EISMUMIE“;
15.00 Uhr Konservatorenführung Dr. Brigitte Haas-Gebhard „DIE MUMIE
AUS DER INKAZEIT“

10.4., 18.30 Uhr, Vortrag
Prof. Dr. Annaluisa Pedrotti, Universität Trento:
„Ötzi und seine Welt südlich der Alpen“, Eintritt: 4.00 €

Alle Fotos: Südtiroler Archäologiemuseum Bozen; Bild 20: Bild mit Fenster zur Kühlzelle: Südtiroler Archäologiemuseum/Oskar Verant; Bild 21 der Ausstellung mit Rekonstruktion: Südtiroler Archäologiemuseum/foto-dpi.com