Ein ungarisches Pferdegeschirr vom bayerischen Lechfeld – Zeugnis der Schlacht bei Augsburg im Jahr 955

Archäologische Staatssammlung München
Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege

Mittwoch, 4.12.2013


Die berühmte „Schlacht auf dem Lechfeld“ bei Augsburg zwischen
König Otto I. und einem Großaufgebot der Ungarn gilt als ein Meilenstein der deutschen Geschichte. Denn der glanzvolle Sieg Ottos beendete die seit einem halben Jahrhundert andauernde Auszehrung des Reiches durch zahlreiche ungarische Raubzüge, festigte nachhaltig die innenpolitische Autorität des Königs, die schließlich in seiner Kaiserkrönung 968 gipfelte, und stellte letztlich die Weichen für die Integration Ungarns in das europäische Staatengefüge.
Doch trotz vergleichsweise detaillierter historischer Überlieferung blieb das epochale Ereignis im archäologischen Befund bisher unsichtbar.

Fundgeschichte und Befund

Im Sommer 2011 stieß ein Heimatforscher auf dem Bacher Lechfeld bei Todtenweis-Bach, Lkr. Aichach-Friedberg, rund 15 km nordöstlich von Augsburg, auf Teile eines außergewöhnlich prachtvollen ungarischen Pferdegeschirrs. Nach genauer Einmessung der Fundstelle durch den Entdecker und ordnungsgemäßer Fundmeldung an die Archäologische Staatssammlung und das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege konnten in Kooperation zwischen den beiden staatlichen Stellen noch im selben Jahr eine systematische Prospektion und eine geophysikalische Untersuchung (Magnetometermessung) durchgeführt werden.
Im Sommer 2012 fanden schließlich einwöchige Ausgrabungen statt, die die Fundsituation abklären sollten. Im Zentrum stand die Frage, wie die Objekte in den Boden gekommen sind und weshalb sich Teile desselben Geschirrs in zwei 40 m voneinander entfernten Konzentrationen fanden. Die Untersuchungen ergaben klare Hinweise darauf, dass die Artefakte auf der Geländeoberfläche des 10. Jahrhunderts zu liegen gekommen waren. Die seinerzeitige Wiederauffindung wurde offenbar durch die Landschaftsgestalt verhindert. Anhand der Bodenverhältnisse und archivalischer Daten ist das Fundareal für die Zeit des Mittelalters als Erlenbruchwald zu rekonstruieren. Diese schwer durchdringbaren, feuchten bis nassen natürlichen Auenwälder bestimmten damals noch das Landschaftsbild der Flusstäler.
Der Auenwald verschwand wohl erst im 15. Jahrhundert, als man das Land zur Wiesennutzung urbar machte. Die Objekte waren zu diesem Zeitpunkt und bis zum Moment Auffindung von einer nur sehr dünnen Humusschicht überdeckt. Einer glücklichen Ausnahme ist es zuzuschreiben, dass die Fundparzelle als einziges Flurstück der weiteren Umgebung bisher nie mit dem Pflug umgebrochen worden ist. Anderenfalls wären die empfindlichen Gegenstände kaum erhalten geblieben.

Funde

Die Feinkartierung der Fundstücke lässt ein Verteilungsmuster erkennen, für das zwei Interpretationsmöglichkeiten zu favorisieren sind: Entweder verendete ein aufgezäumtes Pferd im Auenwald, wobei aasfressende Tiere den Kadaver auseinander zogen und die Schirrungsbestandteile dabei geringfügig verlagert wurden. Oder es wurde allein die auffällige Schirrung an dem schwer zugänglichen Ort zurückgelassen (z. B. auf der Flucht). Aasfresser könnten das verrottende Lederzeug mitsamt den Metallbesätzen verzogen und teilweise über größere Entfernungen verschleppt haben (zwei Fundkonzentrationen!).

Der Fundkomplex setzt sich aus 17 ornamentierten Zierbesätzen, 8 blütenförmigen Nieten, zwei Schnallen, drei großformatigen, blattförmigen Anhängern und einer Stirnzierplatte zusammen. Alle Objekte bestehen aus Silber und tragen partielle Feuervergoldungen. Die Formen und Verzierungen sind für altungarische Metallarbeiten aus dem Bereich des Karpatenbeckens charakteristisch. Die Geschirrteile gehören zu den aufwendigsten, die bisher aus dem gesamten ungarischen Machtbereich des 10. Jahrhunderts bekannt geworden sind. Unter rund 26.000 ungarischen Gräbern des 10./11. Jahrhunderts innerhalb des Karpatenbogens weisen überhaupt nur 22, auch nach den sonstigen Beigaben auffallend reiche Bestattungen silberne Pferdegeschirre auf. Keines besitzt Blattanhänger vergleichbarer Größe. Für die Stirnzierplatte gibt es nur eine einzige – deutlich kleinere – Parallele. Da im arpadenzeitlichen Ungarn (10. Jh.) die Ausführungsqualität und Edelmetallmenge der Kriegerausrüstung als Rangabzeichen dienten, lässt das Geschirr von Bach Aussagen über den sozialen Stand des einstigen Eigentümers zu. Dieser gehörte demnach zur Führungselite und muss in einem engen Verhältnis zum Großfürsten gestanden haben. Aus dessen Werkstätten ist der Zierrat vermutlich hervorgegangen und an die hochrangige Person der Gefolgschaft verliehen worden.

Der Verlust eines derart prunkvollen, symbolbehafteten Teils der Ausrüstung ist nur unter Extrembedingungen vorstellbar. Dieser Umstand ist ein wichtiges Indiz für die chronologische Einordnung des Fundes. Denn ungarische Kriegszüge im Umfeld Augsburgs sind anhand der literarischen Überlieferung für mehrere Jahre bezeugt (910, 926, 955). Aber nur die schwere Niederlage im Jahr 955 bietet ein Szenario, in dem der dauerhafte Verlust des Geschirrs denkbar erscheint.

Einordnung des Neufundes in das Schlachtgeschehen

Die historischen Quellen, in erster Linie die Lebensbeschreibung des Hl. Ulrich von Augsburg aus der Feder des Dompropstes Gerhard von Augsburg (um 983) und die „Sachsengeschichte“ des Benediktinermönches Widukind von Corvey (um 968), bieten ein vergleichsweise detailliertes von dem Geschehen, das als „Schlacht auf dem Lechfeld“ in die Geschichtsbücher eingegangen ist. Das Ereignis kann anhand der Schilderungen in drei Phasen gegliedert werden:

(1)    Zangenangriff der Ungarn auf die von Westen (sehr wahrscheinlich über die alte Römerstraße von Günzburg) in Richtung Augsburg heranziehende Heereskolonne König Ottos.
(2)    Nach anfänglichen Problemen Wende des Kampfgeschehens zugunsten Ottos; Flucht und Verfolgung des Gegners mit Einnahme des ungarischen Lager auf der östlichen Lechseite.
(3)    An den nächsten beiden Tagen Fortsetzung der Verfolgung des weit versprengten Feindes auf bayerischem Gebiet.

Aus der annähernd zeitgenössischen Überlieferung ist eindeutig zu entnehmen, dass es sich bei der „Lechfeldschlacht“ um ein weiträumiges Ereignis handelt, das sich keineswegs auf einen einzigen Kampfplatz eingrenzen lässt.
In den Kontext der ungarischen Fluchtbewegungen wird man das Pferdegeschirr von Bach einordnen müssen. Eine Ergänzung erfährt der Neufund durch die Neubewertung einiger seit den 1980er Jahren bekannter Funde aus den Kiesgruben von Sand, ca. 2,5 km südwestlich der Fundstelle des Pferdegeschirrs. Unter den von dort vorliegenden Objekten konnten eine ungarische Trense und zwei westliche Flügellanzen des 10. Jahrhunderts identifiziert werden. Deren Einlagerung in Kiese aus Altläufen des Lechs lässt auf eine Übergangsstelle schließen, an der nach den Waffenfunden eine militärische Auseinandersetzung angenommen werden kann. Ottonische Abfangtruppen an den Flussübergängen auf bayerischem Gebiet werden in den Schriftquellen ausdrücklich erwähnt. Den Weg über diese Flussquerung auf der Höhe von Langweid und Sand könnte auch der Reiter mit dem Geschirr von Bach genommen haben, bevor das Tier – mit oder ohne Reiter – in den Auenwald geriet und dort zumindest das Geschirr zurückblieb.

Mit den Fundstellen von Bach und Sand liegen nunmehr erste Hinweise auf Ereignisse im Zusammenhang mit der „Lechfeldschlacht“ nördlich von Augsburg vor. Bisherige Rekonstruktionen lokalisierten das Geschehen stets südlich der Stadt. Die schriftliche Überlieferung liefert hierzu keine eindeutigen Aussagen; sie lässt beide Interpretationen zu. Sehr wahrscheinlich ist eine räumliche Festlegung auch nicht sinnvoll, denn der unkontrollierte Rückzug der Ungarn dürfte sehr weiträumig erfolgt sein. Unklar bleibt die Position des ungarischen Lagers irgendwo in den Lechauen auf der bayerischen Uferseite. Die Absetzbewegung des Anführers mit dem Bacher Pferdegeschirr nördlich der Stadt könnte ein schwaches Indiz dafür sein, dass das Lager nordöstlich von Augsburg zu suchen ist.

Bernd Steidl