MITTEILUNGEN
der
FREUNDE DER BAYERISCHEN VOR- UND FRÜHGESCHICHTE

Nr. 97 vom 22. Mai 2001

Überraschung unter dem Lehm - Die Entdeckung einer römischen Polizeistation in Obernburg am Main

Als am Vormittag des 25. Mai 1954 der Bagger bei den Aushubarbeiten für einen Tankstellen-Neubau vor den mittelalterlichen Toren des Mainstädtchens Obernburg in über eineinhalb Meter Tiefe auf römische Inschriftensteine stieß, ahnte damals noch niemand die geradezu internationale Bedeutung dieses neu entdeckten Fundplatzes. Eine Bedeutung, die sich allerdings erst 46 Jahre später in vollem Umfang zu erkennen geben sollte. Erst im Jahr 2000 fanden nach dem mittlerweile erfolgten Abriß der Tankstelle und vor Beginn einer Wiederbebauung umfangreiche Ausgrabungen der Archäologischen Staatssammlung München in Verbindung mit dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege statt, über deren Ergebnisse hier in einem ersten Überblick berichtet wird.

Die heutige Kleinstadt Obernburg erstreckt sich auf einer schmalen Mainterrasse zwischen dem Fluß im Osten und einem riegelartigen Bergzug im Westen, dem "Stadtberg", einem nördlichen Ausläufer des Buntsandstein-Odenwaldes. Die günstige topographische Situation gegenüber der Einmündung des Spessartflüßchens Elsava und flankierend zur Talöffnung der Mömling, einem linken Zufluß des Mains, dürfte die römischen Militärstrategen Anfang des 2. Jahrhunderts zur Errichtung eines Limeskastells an dieser Stelle veranlaßt haben. Zusammen mit sechs weiteren Militärposten vom hessischen Seligenstadt im Norden bis Miltenberg im Süden reiht sich Obernburg in eine Überwachungslinie entlang des Mains, der hier als "nasser" Limesabschnitt die Grenze der Provinz Germania superior (Obergermanien) gegen das "freie" Germanien bildete.

Nach den Inschriftenfunden von 1954 war bekannt, daß sich im Umfeld der Fundstelle eine Station der beneficiarii des obergermanischen Statthalters befunden haben mußte. In der Unteroffiziers-Charge der Benefiziarier taten ausgewählte Soldaten Dienst, die den beiden provinzeigenen Legionen - der legio XXII Primigenia (Mainz) und der legio VIII Augusta (Straßburg) - entnommen und am Statthaltersitz in Mainz zusammengezogen worden waren. Von dort wiederum konnte ein Teil auf Außenposten in der Provinz verteilt werden. Über den genauen Aufgabenbereich der Benefiziarier ist wenig gesichertes bekannt. Aus den eher spärlichen literarischen und papyrologischen Quellen sind der Einsatz zur Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung in Ortschaften und auf den Straßen, kriminalpolizeiliche Untersuchungen und Funktionen als Gerichtsbeamte herauszulesen. Tätigkeiten im Zusammenhang mit der Kontrolle von Warenströmen, vielleicht auch Kontrolle des Zollwesens, werden vermutet. Besonders an den Limesorten ist darüber hinaus vorstellbar, daß die Zivilbevölkerung in den Lagerdörfern auch vor der Willkür und möglichen Übergriffen des Militärs zu schützen war.

Gesamtplan Die statio der Benefiziarier von Obernburg befand sich knapp 100 m südlich des Kastells an der Ausfallstraße zum Nachbarlager in Wörth a. Main, aber innerhalb des vicus (Zivilsiedlung), der das Kastell umgab. Bei den Bauarbeiten 1954 hatte man den zur Station gehörenden Sakralbezirk angeschnitten und war dabei auf insgesamt sieben steinerne Altäre gestoßen, als deren Stifter sich durch die Inschriften Benefiziarier zu erkennen gaben. Die sieben Altäre lagen umgestürzt neben ihren zugehörigen Sockeln, wodurch die Identität von Fundort und ursprünglichem Aufstellungsort angezeigt war. Die Umstände des Baubetriebs erlaubten damals trotz der vielversprechenden Aussichten keine über die Bergung der Steine hinausgehende Ausweitung der Untersuchungen. Lediglich drei - wie sich inzwischen herausstellte glücklos plazierte - Grabungsschnitte konnten die Grundzüge des Schichtenaufbaus und einen bis dahin unbekannten Mauerverlauf erfassen, dessen Interpretation aufgrund der Ausschnitthaftigkeit des Grabungsbefundes allerdings nicht das Richtige traf. Die Vorstellung vom Aussehen der Gesamtanlage wurde insbesondere durch den vermeintlichen Nachweis einer römischen Straßenführung unmittelbar östlich, parallel zur Reihe der Altäre geprägt - ein Befund, der durch die neuen Ausgrabungen revidiert werden mußte.

Schon die vergleichsweise geringen Einblicke in die archäologische Substanz der Fundstelle durch die Aufschlüsse von 1954 machten deutlich, mit welchen außergewöhnlichen Erhaltungsbedingungen an diesem Platz zu rechnen war. Bedingt durch die Lage nahe dem Fuß des Stadtberges und im Schüttungsbereich einer Erosionsrinne, hatte sich über der römischen Geländeoberfläche eine aufgeschwemmte Schicht sandigen Hanglehms von 1,10-2,50 m Mächtigkeit abgelagert. Im Gegensatz zur archäologischen "Normalsituation", in der das heutige Geländeniveau erosionsbedingt gewöhnlich unter dem antiken gelegen ist, trat hier der umgekehrte Fall einer Überdeckung und damit vorzüglichen Konservierung der alten Oberfläche auf- mit allem, was sich ursprünglich auf ihr befand.

Die gespannten Erwartungen auf besondere Entdeckungen schienen mit einem Schlag zunichte gemacht, als der Verfasser am festgelegten ersten Grabungstag im Juli 2000 an der Fundstelle eintraf und dort ein 40 Tonnen-Bagger soeben damit beschäftigt war, entgegen den zuvor getroffenen Absprachen die Bodenplatte des niedergelegten Tankstellengebäudes herauszuschlagen und dabei den Untergrund und auch das umgebende Erdreich aufzureißen. Im Abrißschutt, der gerade verladen wurde, ließen sich unschwer mächtige römische Sandsteinquader erkennen, bei denen es sich nach der Bergung in letzter Minute um einen vollständigen sowie einen frisch zerschlagenen Weihealtar sowie zehn z. T. verzierte, halbtonnenschwere Altarsockel handelte. Trotz dieser zunächst ungünstigen Ausgangslage war den Ausgrabungen im weiteren Verlauf doch noch so großer Erfolg beschieden, daß er die höchsten Erwartungen übertraf.

Die Bedeutung der neuen Entdeckungen liegt vor allen Dingen darin begründet, daß es erstmals im ganzen Römischen Reich gelungen ist, neben dem zugehörigen Weihebezirk auch das eigentliche Amts- und Wohngebäude des Benefiziariers wenigstens teilweise aufzudecken und detaillierte Informationen zur Größe, Architektur, zeitlicher Entwicklung und Nutzung zu gewinnen. Nur eine weitere derartige Anlage aus dem antiken SIRMIUM, dem heutigen Sremska Mitrovica in Serbien, ist bekannt, die bisher allerdings nur in einem Übersichtsplan veröffentlicht worden ist und der zur Zeit noch mehr Fragen aufwirft, als er beantworten kann. Sakralbezirke der Benefiziarier kennt man in vergleichbarer Erhaltung sowohl aus der Station von SIRMIUM als auch aus Osterburken am obergermanischen Limes, ca. 50 km südlich von Obernburg gelegen. Funde von Altären ohne nähere Informationen zur Aufstellungssituation gibt es dagegen mehrere hundert aus vielen Teilen des Imperiums.

Das Amtsgebäude

Das rechteckige, mit einer Schmalseite zur Straße orientierte Stationsgebäude konnte nur in seiner hinteren, westlichen Hälfte aufgedeckt werden. Die Gesamtausdehnung läßt sich jedoch durch den bekannten Verlauf der römischen Ausfallstraße, die die östliche Begrenzung gebildet haben muß, ermitteln. Bei einer Breite von knapp 18 m und der rekonstruierbaren Länge von 35,5 m ergibt sich die antike Bemaßung von 60:120 römischen Fuß, was in der Fläche genau 1/4 iugerum entspricht. Auch in den Mauerstärken und Innenraumabmessungen läßt sich das regelmäßige Zahlenwerk des antiken Bauplanes nachvollziehen.

Das Gebäude wurde in seinen Außenmauern als solider Steinbau errichtet. Im Inneren bestanden die Wände mit wenigen Ausnahmen aus Lehm-Fachwerk. Die Architektur folgt mediterranem Bauschema, was an einem Kastellort an der Grenze überrascht und nur selten nachzuweisen ist: im Zentrum des ergrabenen Teils befindet sich ein offener, ursprünglich von Säulen oder Pfeilern umstellter Innenhof (peristyl), der in seiner letzten Ausbauphase mit mächtigen Sandsteinplatten gepflastert war. In dessen Mitte befand sich ein Laufbrunnen, der aus einem quadratischen, 1,50x1,50 m messenden, 0,80 m hohen Trog aus verklammerten Sandsteinplatten bestand. Spuren des Wasserzulaufes fanden sich nicht, doch könnte dieser aus einer Bleileitung bestanden haben, die nach der Auflassung der Station ihres Materialwertes wegen wieder herausgerissen wurde. Spuren des möglichen Leitungsgräbchens wurden festgestellt. Von dem Brunnen selbst fanden sich sowohl die meisten der schweren Bodenplatten, als auch zwei Wandteile des Troges, womit eine Rekonstruktion der Anlage möglich sein wird.

Um den Innenhof, der von einer porticus (Wandelgang) umgeben war, gruppierten sich Räume verschiedener Funktion. Davon besaß der massiv gemauerte Raum in der südwestlichen Gebäudeecke eine Fußbodenheizung vom Typ der Kanalheizung, die von einer Arbeitsgrube im Nachbarraum bedient wurde. Der Fußboden bestand aus weißem Mörtelguß mit rotem Sandsteinbeischlag, der im sauber abgeschliffenen Zustand einstmals sehr ansprechend gewirkt haben muß. Die Wände trugen Malerei, von der sich jedoch nur wenig erhalten hat. Den Raum betrat man über eine im Laufe der Zeit stark ausgetretene Sandsteinschwelle, die noch die Aussparungen zur Aufnahme der hölzernen Türgewände erkennen ließ. Das Gemach wird zu Wohnzwecken des Benefiziariers gedient haben.

Der nördlich benachbarte Raum mit schlichtem Stampflehmfußboden könnte nach seiner Lage innerhalb des Hauses und den wenigen Funden als Speisezimmer (tridinium) zu interpretieren sein. Ihm schloß sich nördlich, jenseits eines Korridors, der den Zugang zum Weihebezirk hinter dem Gebäude ermöglichte, der mutmaßliche Wirtschafts- und Küchentrakt an. In diesem Bereich sind die Ausgrabungen noch nicht abgeschlossen, doch ist bereits ein größerer gemauerter Vorratskeller mit zwei Licht- und Luftschächten teilweise aufgedeckt worden. Er könnte in Verbindung mit einer Küche zu sehen sein. In dem Raum östlich des Kellers, in dem sich eine große Herdstelle befand, scheinen sich häufiger Soldaten in Ausrüstung aufgehalten zu haben, was sich aus bronzenen Zierbesätzen von Riemen und Gürteln schließen läßt, die in einigen Stücken ausschließlich hier aufgefunden wurden. Es liegt nahe, hierin ein Dienstzimmer zu sehen. Zu dieser Deutung paßt sehr gut der Fund eines bronzenen Tintenfäßchens, das auf Bürotätigkeiten hinweisen könnte.

Über die Funktion der Räume südlich des Peristyls sind bisher nur wenige Aussagen möglich. Eine Herdstelle weist auf Wohn- oder Aufenthaltsräume hin. Interessant sind in diesem Bereich der Unterbau einer Trittstufe und ein Türangelstein in der südlichen Außenmauer des Gebäudes, die einen Seiteneingang an dieser Stelle bezeugen.

Über die Nutzung der nicht ergrabenen Räume im vorderen Gebäudeteil lassen sich nur Spekulationen anstellen. Es sind fraglos weitere Diensträume wie Büros, evtl. ein Archiv und sehr wahrscheinlich auch eine Arrestzelle vorauszusetzen. Leider sind diese Bereiche bereits vor Jahren bei Baumaßnahmen großenteils unbeobachtet zerstört worden. Auch wüßte man gerne etwas über die Fassadengestaltung dieses aufwendigen Bauwerks, die sicherlich entsprechend dem Autoritätsanspruch der Amtsperson als Repräsentant der Staatsgewalt ausgeführt war.

Der Weihebezirk

Arbeit Sozusagen im Hinterhof der Station lag ein sakraler Bezirk, der zur Aufstellung von Altären diente. Unter den Benefiziariern war es Brauch oder Verpflichtung, nach Ablauf des nur sechsmonatigen Einsatzes auf der jeweiligen Station den Göttern zum Dank und zum Wohle der Angehörigen einen steinernen Altar zu stiften. Dieser trägt jeweils eine Inschrift, die die Gottheit(en), den Stifternamen mit seiner Rangangabe und eine Weiheformel enthält. In der Mehrzahl der Fälle werden darüber hinaus tagesgenaue Datierungen für die Aufstellung des Steins angegeben. Alle in Obernburg gefundenen Steine sind dem Iuppiter als oberster Staatsgottheit geweiht. In vielen Inschriften werden daneben Jupiters Gemahlin Iuno sowie der Schutzgeist der Örtlichkeit (Genius loci) genannt. Andere Götter treten nur ausnahmsweise hinzu, wie in einem Fall Fortuna redux, die "glücklich zurück(heim)führende Fortuna". Wahrscheinlich besteht hier ein Zusammenhang mit einem konkreten Ereignis im Leben des Benefiziariers während seines Aufenthaltes in Obernburg.

Altar Der Weihebezirk war in seiner Anfangszeit in seiner Ausdehnung knapp bemessen. Er erstreckte sich nur etwa 4,5 m tief über die Breite des Gebäudes von 18 m und war rückseitig durch einen Holzzaun begrenzt. In etwas unregelmäßiger Reihung wurden die Altäre vor diesem Zaun und mit ihrer Schauseite zum Dienstgebäude aufgestellt. Von diesen Steinen wurden noch vier aufrecht stehend am Ort ihrer ursprünglichen Plazierung angetroffen. Als die Breite in teilweise doppelter Reihung ausgefüllt war, nahm man eine Erweiterung des Geländes jenseits des Zauns vor. Nachdem auch dieses Areal mit Steinen besetzt war -jedes Jahr kamen durch den halbjährigen Wechselturnus der Benefiziarier zwei Altäre hinzu - richtete man zwei bis drei weitere Reihen vor den ältesten Weihungen auf. Als schließlich auch dieser Raum nicht mehr ausreichte, kam eine annexartige Erweiterung in einem bis dahin brach liegenden Areal im nördlichen Anschluß hinzu.

Die ursprüngliche Anzahl der aufgestellten Altäre ist nicht mehr zu bestimmen. Rein rechnerisch müßten über die gesicherte Mindestbestehenszeit der Anlage 160 Weihsteine gestiftet worden sein. Aus den Funden ergeben sich über 70 Aufstellungen (Altäre bzw. Altarpostamente), darunter 30 vollständige oder in Fragmenten bezeugte Altäre. Die Fehlzahl, die sich im Ausgrabungsplan durch größere Lücken niederschlägt, geht auf mittelalterliche Steingewinnung zurück. Die damals z.T. hoch aus den angeschwemmten Lehmmassen herausragenden Altäre wurden als willkommenes Baumaterial ausgegraben und abtransportiert. Der Teil eines Benefiziariersteins aus der mittelalterlichen Stadtmauer von Obernburg und ein weiterer Stein aus der Kirche des benachbarten Eisenbach zeugen davon. Aber auch im Grabungsgelände selbst haben sich entsprechende mittelalterliche Bauspuren mit Spolien gefunden.

Beginn und Ende der Station

Vor Errichtung der Benefiziarierstation stand an gleicher Stelle ein mächtiger Fachwerkbau, dessen Ausdehnung bei den Ausgrabungen nur zum Teil erfaßt wurde. Nach Ausweis zahlreicher Handwerksöfen und einiger Funde diente das Gebäude als fabricci, d. h. in diesem Fall als buntmetallverarbeitende Werkstätte. Die Abmessungen dieses Betriebes sind so ungewöhnlich groß, daß man wahrscheinlich eine staatliche Einrichtung vermuten muß. Der Werkstattbau brannte teilweise ab, zum größeren Teil aber wurde er planmäßig abgerissen, um Platz für die geplante Benefiziarierstation zu machen. Die Funde geben ein Datierung für diese Arbeiten um die Mitte des 2. Jahrhunderts n.Chr. Damit läßt sich auch das Datum des ältesten jahresdatierten Altares von 144 n.Chr., der nach der Aufstellungsposition in die früheste Zeit der Anlage gehört, gut zur Deckung bringen.

Den jüngsten erhaltenen Altar stiftete Nertinius Festus am 13.1.224. Nach dem Ausgrabungsbefund brannte die Station etwa zehn, höchstens 20 Jahre später vollständig ab. Es hat allerdings den Anschein, als sei sie zu diesem Zeitpunkt bereits verlassen oder zumindest momentan nicht genutzt gewesen. Einzelne Waffenfunde könnten auf feindliche Einwirkungen bei der Zerstörung hinweisen. Anschließend wurden noch verschiedene Bauteile wohl für eine Wiederverwendung anderenorts entfernt, bevor die sich die wachsende Decke angeschwemmten Lehms schützend über die gesamte Fläche legte.

Ausgewählte Funde

Der Fundanfall war nicht zuletzt aufgrund der außerordentlich guten Erhaltungsbedingungen sehr groß. Etwa 100 Euro-Paletten mit Steinfunden (Altären, Altarsockeln, Architekturteilen) und etwa 4 Kubikmeter Keramik und Knochenfunde wurden geborgen. Die aufwendigen Restaurierungsarbeiten haben erst begonnen, weshalb noch keine Fotografien von Objekten im künftigen Präsentationszustand vorliegen. Trotzdem seien bereits an dieser Stelle einzelne besonders spektakuläre Fundstücke herausgestellt.

Brunnenstein

Brunnenstein Im Bereich der jüngsten Erweiterung des Weihebezirkes kam ein giebelförmiger Stein von etwa 0,90:0,65 m und 0,20 m Stärke zu Tage, der mit seiner schmucklosen Seite nach oben zuletzt eventuell als Unterlage Für einen nicht mehr vorhandenen Altar gedient hatte. Nach Ausweis einer halbrunden Aussparung an der Basis handelt es sich um einen Brunnenstein, der ursprünglich auf dem Rand eines steinernen Brunnentroges plaziert war. Die Aussparung ermöglichte den Austritt der Wasserleitung bzw. die Anbringung eines Wasserspeiers. Die mit Spannung erwartete Freilegung der Vorderseite übertraf alle Vorstellungen: Es zeigte sich eine vertiefte, durch Gesimsleisten abgesetzte Vorderseite, die durch eine waagrechte Leiste zweigeteilt wird. Im giebelförmigen Oberteil ist mittig eine Muschelnische angebracht, zu beiden Seiten flankiert von fein gearbeiteten Blütenrosetten. Die untere Fläche wird von einer durch Profilleisten gerahmten tabula ansata, einer Schrifttafel mit seitlichen Erweiterungen, eingenommen. Die beiden "Ansen" sind als Amazonenschilde (peltae) gestaltet, die Akanthusdekor tragen. Ihre Enden laufen in Greifenköpfe aus, deren Schnäbel gestielte Eicheln fassen. Die Zwickel zwischen den Pelten und dem Schriftfeld sind mit kleinen Blütenrosetten gefüllt. Die sauber gemeißelte Inschrift auf der tabula lautet:

I(ovi) O(ptimo) M(aximo) GENIO LOCI {ET}
{NY}MF(is et) F{OR}TVN{AE} ME
L{IO}RI G IANVARIVS
VICTORINVS B(ene)F(iciarius) CO(n)S(ularis)
ID(ibus) IVL(iis) MAX(imo) {ET AEL}(iano) CO(n)S(ulibus)

[!= {Buchstabengruppen} je ineinander geschrieben.]

"Dem obersten und besten Jupiter, dem Genius loci und den Nymphen und der Fortuna melior hat Gaius Ianuarius Victorinus, Benefiziarier des Statthalters (den Stein bzw. den ganzen Brunnen) geweiht am 15. Juli als Maximus und Aelianus Consuln waren (= 223 n.Chr.)".

In diesem Fall hat der Benefiziarier Victorinus offensichtlich anstelle eines Altares einen Brunnen oder wenigstens den darauf angebrachten Brunnenstein gestiftet. Der ursprüngliche Aufstellungsort ist noch ungewiß. Daß der Stein mit dem nachgewiesenen Brunnen im Innenhof des Stationsgebäudes in Zusammenhang steht, kann derzeit noch nicht nachgewiesen werden, ist aber nicht auszuschließen.

Silbervotivblech und Bronzestatuette

Statuette Unmittelbar südlich vor dem Altar des Nertinius Festus vom 13.1.224, ebenfalls innerhalb der jüngsten Weihebezirks-Erweiterung, fand sich ein kleines rituelles Depot, das nur wenig unter die zugehörige römische Oberfläche eingetieft war. Das Depot enthielt eine rund 26 cm hohe bronzene Statuette des Gottes Merkur mitsamt rundem Sockel und den zugehörigen Götterattributen, letztere möglicherweise aus Silber gefertigt. Die waagrecht niedergelegte Statuette war mit einem silbernen Votivblech abgedeckt. Das Blech trägt eine getriebene Darstellung ebenfalls des Merkur, der innerhalb einer Aedicula-Architektur aus gedrehten Säulen, Nischenbogen und Dachgiebel steht. Der Gott wird von verschiedenen Attributen umgeben, darunter auch eine Schildkröte.

Das sehr fragile und bei der Auffindung beschädigte Votivblech wurde zusammen mit der Statuette in einem Erdblock geborgen. Die Restaurierungsarbeiten sind bisher noch nicht angelaufen. Zur Beurteilung liegt jedoch ein Röntgenbild des Fundzustandes vor, auf dem besonders der massive Korpus der Statuette hervorsticht. Die außerordentliche Qualität beider Objekte, die sich in der feinen Modellierung sowohl der Statuette als auch der stark plastischen Reliefdarstellung auf dem Blech ausdrückt, wird bereits im gegenwärtigen Zustand deutlich. Dem Ergebnis der Restaurierung darf man mit hohen Erwartungen entgegensehen.

Diese herausragenden Entdeckungen in Obernburg sorgten nicht nur in Fachkreisen für Aufsehen. Auch die Stadt Obernburg und der Grundeigentümer der Ausgrabungsparzelle haben die Bedeutung des Fundes für die Stadtgeschichte und das Renommee als Römerort an der neu eingerichteten "Deutschen Limesstraße" erkannt. Schon bald wurde daher der Wunsch nach einer angemessenen Präsentation vor Ort geäußert, der gegenwärtig hinsichtlich eines Museumsneubaus und der Schaffung eines Zweigmuseums der Archäologischen Staatssammlung geprüft wird.
Bernd Steidl


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Ist keine Änderung eingetreten, so haben Sie nichts zu veranlassen. Wenn sich Änderungen bei Anschrift oder Kontoverbindung ergeben haben, bitten wir um Rücksendung des beiliegenden Antwortzettels bis Ende Juni 2001.

Vielen Dank für Ihre Bemühungen.
Mit freundlichen Grüßen

Dr. Walter Dieck (1. Vorsitzender)