Die heutige Kleinstadt Obernburg erstreckt sich auf einer schmalen Mainterrasse zwischen dem Fluß im Osten und einem riegelartigen Bergzug im Westen, dem "Stadtberg", einem nördlichen Ausläufer des Buntsandstein-Odenwaldes. Die günstige topographische Situation gegenüber der Einmündung des Spessartflüßchens Elsava und flankierend zur Talöffnung der Mömling, einem linken Zufluß des Mains, dürfte die römischen Militärstrategen Anfang des 2. Jahrhunderts zur Errichtung eines Limeskastells an dieser Stelle veranlaßt haben. Zusammen mit sechs weiteren Militärposten vom hessischen Seligenstadt im Norden bis Miltenberg im Süden reiht sich Obernburg in eine Überwachungslinie entlang des Mains, der hier als "nasser" Limesabschnitt die Grenze der Provinz Germania superior (Obergermanien) gegen das "freie" Germanien bildete.
Nach den Inschriftenfunden von 1954 war bekannt, daß sich im Umfeld der Fundstelle eine Station der beneficiarii des obergermanischen Statthalters befunden haben mußte. In der Unteroffiziers-Charge der Benefiziarier taten ausgewählte Soldaten Dienst, die den beiden provinzeigenen Legionen - der legio XXII Primigenia (Mainz) und der legio VIII Augusta (Straßburg) - entnommen und am Statthaltersitz in Mainz zusammengezogen worden waren. Von dort wiederum konnte ein Teil auf Außenposten in der Provinz verteilt werden. Über den genauen Aufgabenbereich der Benefiziarier ist wenig gesichertes bekannt. Aus den eher spärlichen literarischen und papyrologischen Quellen sind der Einsatz zur Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung in Ortschaften und auf den Straßen, kriminalpolizeiliche Untersuchungen und Funktionen als Gerichtsbeamte herauszulesen. Tätigkeiten im Zusammenhang mit der Kontrolle von Warenströmen, vielleicht auch Kontrolle des Zollwesens, werden vermutet. Besonders an den Limesorten ist darüber hinaus vorstellbar, daß die Zivilbevölkerung in den Lagerdörfern auch vor der Willkür und möglichen Übergriffen des Militärs zu schützen war.
Die statio der Benefiziarier von Obernburg befand sich knapp 100 m
südlich des Kastells an der Ausfallstraße zum Nachbarlager in
Wörth a. Main, aber innerhalb des vicus (Zivilsiedlung), der das Kastell
umgab. Bei den Bauarbeiten 1954 hatte man den zur Station gehörenden
Sakralbezirk angeschnitten und war dabei auf insgesamt sieben steinerne Altäre
gestoßen, als deren Stifter sich durch die Inschriften Benefiziarier
zu erkennen gaben. Die sieben Altäre lagen umgestürzt neben ihren
zugehörigen Sockeln, wodurch die Identität von Fundort und ursprünglichem
Aufstellungsort angezeigt war. Die Umstände des Baubetriebs erlaubten
damals trotz der vielversprechenden Aussichten keine über die Bergung
der Steine hinausgehende Ausweitung der Untersuchungen. Lediglich drei -
wie sich inzwischen herausstellte glücklos plazierte - Grabungsschnitte
konnten die Grundzüge des Schichtenaufbaus und einen bis dahin unbekannten
Mauerverlauf erfassen, dessen Interpretation aufgrund der Ausschnitthaftigkeit
des Grabungsbefundes allerdings nicht das Richtige traf. Die Vorstellung
vom Aussehen der Gesamtanlage wurde insbesondere durch den vermeintlichen
Nachweis einer römischen Straßenführung unmittelbar östlich,
parallel zur Reihe der Altäre geprägt - ein Befund, der durch die
neuen Ausgrabungen revidiert werden mußte.
Schon die vergleichsweise geringen Einblicke in die archäologische Substanz der Fundstelle durch die Aufschlüsse von 1954 machten deutlich, mit welchen außergewöhnlichen Erhaltungsbedingungen an diesem Platz zu rechnen war. Bedingt durch die Lage nahe dem Fuß des Stadtberges und im Schüttungsbereich einer Erosionsrinne, hatte sich über der römischen Geländeoberfläche eine aufgeschwemmte Schicht sandigen Hanglehms von 1,10-2,50 m Mächtigkeit abgelagert. Im Gegensatz zur archäologischen "Normalsituation", in der das heutige Geländeniveau erosionsbedingt gewöhnlich unter dem antiken gelegen ist, trat hier der umgekehrte Fall einer Überdeckung und damit vorzüglichen Konservierung der alten Oberfläche auf- mit allem, was sich ursprünglich auf ihr befand.
Die gespannten Erwartungen auf besondere Entdeckungen schienen mit einem Schlag zunichte gemacht, als der Verfasser am festgelegten ersten Grabungstag im Juli 2000 an der Fundstelle eintraf und dort ein 40 Tonnen-Bagger soeben damit beschäftigt war, entgegen den zuvor getroffenen Absprachen die Bodenplatte des niedergelegten Tankstellengebäudes herauszuschlagen und dabei den Untergrund und auch das umgebende Erdreich aufzureißen. Im Abrißschutt, der gerade verladen wurde, ließen sich unschwer mächtige römische Sandsteinquader erkennen, bei denen es sich nach der Bergung in letzter Minute um einen vollständigen sowie einen frisch zerschlagenen Weihealtar sowie zehn z. T. verzierte, halbtonnenschwere Altarsockel handelte. Trotz dieser zunächst ungünstigen Ausgangslage war den Ausgrabungen im weiteren Verlauf doch noch so großer Erfolg beschieden, daß er die höchsten Erwartungen übertraf.
Die Bedeutung der neuen Entdeckungen liegt vor allen Dingen darin begründet, daß es erstmals im ganzen Römischen Reich gelungen ist, neben dem zugehörigen Weihebezirk auch das eigentliche Amts- und Wohngebäude des Benefiziariers wenigstens teilweise aufzudecken und detaillierte Informationen zur Größe, Architektur, zeitlicher Entwicklung und Nutzung zu gewinnen. Nur eine weitere derartige Anlage aus dem antiken SIRMIUM, dem heutigen Sremska Mitrovica in Serbien, ist bekannt, die bisher allerdings nur in einem Übersichtsplan veröffentlicht worden ist und der zur Zeit noch mehr Fragen aufwirft, als er beantworten kann. Sakralbezirke der Benefiziarier kennt man in vergleichbarer Erhaltung sowohl aus der Station von SIRMIUM als auch aus Osterburken am obergermanischen Limes, ca. 50 km südlich von Obernburg gelegen. Funde von Altären ohne nähere Informationen zur Aufstellungssituation gibt es dagegen mehrere hundert aus vielen Teilen des Imperiums.
Das Gebäude wurde in seinen Außenmauern als solider Steinbau errichtet. Im Inneren bestanden die Wände mit wenigen Ausnahmen aus Lehm-Fachwerk. Die Architektur folgt mediterranem Bauschema, was an einem Kastellort an der Grenze überrascht und nur selten nachzuweisen ist: im Zentrum des ergrabenen Teils befindet sich ein offener, ursprünglich von Säulen oder Pfeilern umstellter Innenhof (peristyl), der in seiner letzten Ausbauphase mit mächtigen Sandsteinplatten gepflastert war. In dessen Mitte befand sich ein Laufbrunnen, der aus einem quadratischen, 1,50x1,50 m messenden, 0,80 m hohen Trog aus verklammerten Sandsteinplatten bestand. Spuren des Wasserzulaufes fanden sich nicht, doch könnte dieser aus einer Bleileitung bestanden haben, die nach der Auflassung der Station ihres Materialwertes wegen wieder herausgerissen wurde. Spuren des möglichen Leitungsgräbchens wurden festgestellt. Von dem Brunnen selbst fanden sich sowohl die meisten der schweren Bodenplatten, als auch zwei Wandteile des Troges, womit eine Rekonstruktion der Anlage möglich sein wird.
Um den Innenhof, der von einer porticus (Wandelgang) umgeben war, gruppierten sich Räume verschiedener Funktion. Davon besaß der massiv gemauerte Raum in der südwestlichen Gebäudeecke eine Fußbodenheizung vom Typ der Kanalheizung, die von einer Arbeitsgrube im Nachbarraum bedient wurde. Der Fußboden bestand aus weißem Mörtelguß mit rotem Sandsteinbeischlag, der im sauber abgeschliffenen Zustand einstmals sehr ansprechend gewirkt haben muß. Die Wände trugen Malerei, von der sich jedoch nur wenig erhalten hat. Den Raum betrat man über eine im Laufe der Zeit stark ausgetretene Sandsteinschwelle, die noch die Aussparungen zur Aufnahme der hölzernen Türgewände erkennen ließ. Das Gemach wird zu Wohnzwecken des Benefiziariers gedient haben.
Der nördlich benachbarte Raum mit schlichtem Stampflehmfußboden könnte nach seiner Lage innerhalb des Hauses und den wenigen Funden als Speisezimmer (tridinium) zu interpretieren sein. Ihm schloß sich nördlich, jenseits eines Korridors, der den Zugang zum Weihebezirk hinter dem Gebäude ermöglichte, der mutmaßliche Wirtschafts- und Küchentrakt an. In diesem Bereich sind die Ausgrabungen noch nicht abgeschlossen, doch ist bereits ein größerer gemauerter Vorratskeller mit zwei Licht- und Luftschächten teilweise aufgedeckt worden. Er könnte in Verbindung mit einer Küche zu sehen sein. In dem Raum östlich des Kellers, in dem sich eine große Herdstelle befand, scheinen sich häufiger Soldaten in Ausrüstung aufgehalten zu haben, was sich aus bronzenen Zierbesätzen von Riemen und Gürteln schließen läßt, die in einigen Stücken ausschließlich hier aufgefunden wurden. Es liegt nahe, hierin ein Dienstzimmer zu sehen. Zu dieser Deutung paßt sehr gut der Fund eines bronzenen Tintenfäßchens, das auf Bürotätigkeiten hinweisen könnte.
Über die Funktion der Räume südlich des Peristyls sind bisher nur wenige Aussagen möglich. Eine Herdstelle weist auf Wohn- oder Aufenthaltsräume hin. Interessant sind in diesem Bereich der Unterbau einer Trittstufe und ein Türangelstein in der südlichen Außenmauer des Gebäudes, die einen Seiteneingang an dieser Stelle bezeugen.
Über die Nutzung der nicht ergrabenen Räume im vorderen Gebäudeteil lassen sich nur Spekulationen anstellen. Es sind fraglos weitere Diensträume wie Büros, evtl. ein Archiv und sehr wahrscheinlich auch eine Arrestzelle vorauszusetzen. Leider sind diese Bereiche bereits vor Jahren bei Baumaßnahmen großenteils unbeobachtet zerstört worden. Auch wüßte man gerne etwas über die Fassadengestaltung dieses aufwendigen Bauwerks, die sicherlich entsprechend dem Autoritätsanspruch der Amtsperson als Repräsentant der Staatsgewalt ausgeführt war.
Der Weihebezirk
Sozusagen im Hinterhof der Station lag ein sakraler Bezirk, der zur
Aufstellung von Altären diente. Unter den Benefiziariern war es Brauch
oder Verpflichtung, nach Ablauf des nur sechsmonatigen Einsatzes auf der jeweiligen
Station den Göttern zum Dank und zum Wohle der Angehörigen einen
steinernen Altar zu stiften. Dieser trägt jeweils eine Inschrift, die
die Gottheit(en), den Stifternamen mit seiner Rangangabe und eine Weiheformel
enthält. In der Mehrzahl der Fälle werden darüber hinaus tagesgenaue
Datierungen für die Aufstellung des Steins angegeben. Alle in Obernburg
gefundenen Steine sind dem Iuppiter als oberster Staatsgottheit geweiht. In
vielen Inschriften werden daneben Jupiters Gemahlin Iuno sowie der Schutzgeist
der Örtlichkeit (Genius loci) genannt. Andere Götter treten nur
ausnahmsweise hinzu, wie in einem Fall Fortuna redux, die "glücklich
zurück(heim)führende Fortuna". Wahrscheinlich besteht hier ein Zusammenhang
mit einem konkreten Ereignis im Leben des Benefiziariers während seines
Aufenthaltes in Obernburg.
Der Weihebezirk war in seiner Anfangszeit in seiner Ausdehnung knapp
bemessen. Er erstreckte sich nur etwa 4,5 m tief über die Breite des
Gebäudes von 18 m und war rückseitig durch einen Holzzaun begrenzt.
In etwas unregelmäßiger Reihung wurden die Altäre vor diesem
Zaun und mit ihrer Schauseite zum Dienstgebäude aufgestellt. Von diesen
Steinen wurden noch vier aufrecht stehend am Ort ihrer ursprünglichen
Plazierung angetroffen. Als die Breite in teilweise doppelter Reihung ausgefüllt
war, nahm man eine Erweiterung des Geländes jenseits des Zauns vor. Nachdem
auch dieses Areal mit Steinen besetzt war -jedes Jahr kamen durch den halbjährigen
Wechselturnus der Benefiziarier zwei Altäre hinzu - richtete man zwei
bis drei weitere Reihen vor den ältesten Weihungen auf. Als schließlich
auch dieser Raum nicht mehr ausreichte, kam eine annexartige Erweiterung
in einem bis dahin brach liegenden Areal im nördlichen Anschluß
hinzu.
Die ursprüngliche Anzahl der aufgestellten Altäre ist nicht mehr zu bestimmen. Rein rechnerisch müßten über die gesicherte Mindestbestehenszeit der Anlage 160 Weihsteine gestiftet worden sein. Aus den Funden ergeben sich über 70 Aufstellungen (Altäre bzw. Altarpostamente), darunter 30 vollständige oder in Fragmenten bezeugte Altäre. Die Fehlzahl, die sich im Ausgrabungsplan durch größere Lücken niederschlägt, geht auf mittelalterliche Steingewinnung zurück. Die damals z.T. hoch aus den angeschwemmten Lehmmassen herausragenden Altäre wurden als willkommenes Baumaterial ausgegraben und abtransportiert. Der Teil eines Benefiziariersteins aus der mittelalterlichen Stadtmauer von Obernburg und ein weiterer Stein aus der Kirche des benachbarten Eisenbach zeugen davon. Aber auch im Grabungsgelände selbst haben sich entsprechende mittelalterliche Bauspuren mit Spolien gefunden.
Den jüngsten erhaltenen Altar stiftete Nertinius Festus am 13.1.224. Nach dem Ausgrabungsbefund brannte die Station etwa zehn, höchstens 20 Jahre später vollständig ab. Es hat allerdings den Anschein, als sei sie zu diesem Zeitpunkt bereits verlassen oder zumindest momentan nicht genutzt gewesen. Einzelne Waffenfunde könnten auf feindliche Einwirkungen bei der Zerstörung hinweisen. Anschließend wurden noch verschiedene Bauteile wohl für eine Wiederverwendung anderenorts entfernt, bevor die sich die wachsende Decke angeschwemmten Lehms schützend über die gesamte Fläche legte.
"Dem obersten und besten Jupiter, dem Genius loci und den Nymphen und der Fortuna melior hat Gaius Ianuarius Victorinus, Benefiziarier des Statthalters (den Stein bzw. den ganzen Brunnen) geweiht am 15. Juli als Maximus und Aelianus Consuln waren (= 223 n.Chr.)".
In diesem Fall hat der Benefiziarier Victorinus offensichtlich anstelle eines Altares einen Brunnen oder wenigstens den darauf angebrachten Brunnenstein gestiftet. Der ursprüngliche Aufstellungsort ist noch ungewiß. Daß der Stein mit dem nachgewiesenen Brunnen im Innenhof des Stationsgebäudes in Zusammenhang steht, kann derzeit noch nicht nachgewiesen werden, ist aber nicht auszuschließen.
Das sehr fragile und bei der Auffindung beschädigte Votivblech wurde zusammen mit der Statuette in einem Erdblock geborgen. Die Restaurierungsarbeiten sind bisher noch nicht angelaufen. Zur Beurteilung liegt jedoch ein Röntgenbild des Fundzustandes vor, auf dem besonders der massive Korpus der Statuette hervorsticht. Die außerordentliche Qualität beider Objekte, die sich in der feinen Modellierung sowohl der Statuette als auch der stark plastischen Reliefdarstellung auf dem Blech ausdrückt, wird bereits im gegenwärtigen Zustand deutlich. Dem Ergebnis der Restaurierung darf man mit hohen Erwartungen entgegensehen.
Diese herausragenden Entdeckungen in Obernburg sorgten nicht nur in Fachkreisen
für Aufsehen. Auch die Stadt Obernburg und der Grundeigentümer der
Ausgrabungsparzelle haben die Bedeutung des Fundes für die Stadtgeschichte
und das Renommee als Römerort an der neu eingerichteten "Deutschen Limesstraße"
erkannt. Schon bald wurde daher der Wunsch nach einer angemessenen Präsentation
vor Ort geäußert, der gegenwärtig hinsichtlich eines Museumsneubaus
und der Schaffung eines Zweigmuseums der Archäologischen Staatssammlung
geprüft wird.
Bernd Steidl
Verehrte Mitglieder unseres Vereins,
es ist beabsichtigt, unser Mitgliederverzeichnis neu herauszugeben. Wir möchten darin Ihre Anschrift so korrekt wie möglich haben.
Wir bitten Sie deshalb um Prüfung, ob sich an Ihrer Adresse etwas geändert hat, ebenso, ob Ihre Kontoverbindung für den Einzug des Beitrags noch unverändert besteht.
Ist keine Änderung eingetreten, so haben Sie nichts zu veranlassen. Wenn sich Änderungen bei Anschrift oder Kontoverbindung ergeben haben, bitten wir um Rücksendung des beiliegenden Antwortzettels bis Ende Juni 2001.
Vielen Dank für Ihre Bemühungen.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Walter Dieck (1. Vorsitzender)